Gott hat weder Anfang noch Ende, er besitzt sein ganzes Sein …

Gott hat weder Anfang noch Ende, er besitzt sein ganzes Sein auf einmal – worin der Begriff der Ewigkeit beruht.

Autor: Thomas von Aquin

Herkunft

Die Formulierung stammt aus dem philosophisch-theologischen Werk "Summa theologica" des mittelalterlichen Gelehrten Thomas von Aquin. Sie tritt dort in der "Quaestio 10, Artikel 1" auf, welche sich mit der Ewigkeit Gottes beschäftigt. Der Kontext ist eine streng logische Abhandlung über das Wesen Gottes, in der Thomas von Aquin die klassische, auf Boethius zurückgehende Definition der Ewigkeit als "der vollkommen gleichzeitige und vollkommene Besitz eines unbegrenzten Lebens" analysiert und präzisiert. Seine prägnante Aussage "Gott hat weder Anfang noch Ende, er besitzt sein ganzes Sein auf einmal" ist die kristalline Zusammenfassung dieses Gedankens.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich beschreibt der Satz ein metaphysisches Gottesbild: Gottes Existenz ist nicht linear wie die unsere. Während menschliches Leben und die physikalische Zeit aus einer Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen, steht Gott nach dieser Lehre außerhalb dieser Abfolge. "Auf einmal besitzen" bedeutet, dass für Gott alle Momente gleichzeitig gegenwärtig sind. Ein typisches Missverständnis ist, Ewigkeit einfach nur als eine unendlich lange Zeit zu verstehen. Genau das widerlegt diese Redewendung. Es geht nicht um Dauer, sondern um eine völlig andere Seinsweise. Die Interpretation zielt auf die absolute Vollkommenheit und Unveränderlichkeit Gottes ab. Weil er sein Sein nicht nacheinander erfährt, ist er frei von Werden, Vergehen und Veränderung.

Relevanz heute

Die Redewendung ist heute vor allem in theologischen, philosophischen und populärwissenschaftlichen Diskursen relevant. Sie dient als präzises Schlagwort, um den klassischen Begriff der göttlichen Ewigkeit von modernen, oft physikalisch geprägten Zeitkonzepten abzugrenzen. In einer Zeit, in der über Zeitreisen, Multiversen und die Relativität der Zeit debattiert wird, bietet dieser alte Gedanke eine radikal alternative Perspektive. Ihre Relevanz zeigt sich auch in der Kunst und Literatur, wo sie als Inspirationsquelle für die Darstellung von Zeitlosigkeit dient. Für viele Menschen behält sie eine spirituelle Bedeutung, da sie eine Vorstellung von einer absoluten, stabilen Wirklichkeit jenseits des irdischen Wandels vermittelt.

Praktische Verwendbarkeit

Diese Formulierung ist keine Alltagsredewendung, sondern ein anspruchsvolles Zitat. Sie eignet sich daher für Kontexte, die eine gewisse Tiefe erlauben oder erfordern.

  • Passende Kontexte: Thematische Vorträge über Zeit, Philosophie oder Theologie; Trauerreden, um den Verstorbenen in einen größeren, zeitlosen Zusammenhang zu stellen; Essays oder anspruchsvolle Texte; als Denkanstoß in Gesprächen über Existenzfragen.
  • Unpassende Kontexte: Sie wäre in saloppen Alltagsgesprächen, in schnellen Debatten oder in rein praktischen Anweisungen fehl am Platz und könnte als affektiert oder schwerfällig wirken.
  • Anwendungsbeispiele:

    In einer Trauerrede: "Unser menschliches Dasein ist von der Uhr geprägt. Wir erinnern uns an den Anfang und trauern um das Ende. In der christlichen Tradition gibt es den tröstlichen Gedanken einer anderen Wirklichkeit, in der, wie Thomas von Aquin sagte, das ganze Sein auf einmal besessen wird. Dieses Bild der vollkommenen Gegenwart kann uns ein wenig helfen, den Abschied zu denken."

    In einem philosophischen Gespräch: "Die Physik beschreibt, wie die Zeit relativ ist. Die klassische Metaphysik ging noch einen Schritt weiter mit der Idee, dass wahre Ewigkeit bedeutet, sein ganzes Sein auf einmal zu besitzen – eine Vorstellung, die unsere lineare Logik bis heute herausfordert."

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