Jedes Wesen liebt von Natur auf seine Weise Gott mehr als …
Jedes Wesen liebt von Natur auf seine Weise Gott mehr als sich selbst.
Autor: Thomas von Aquin
Herkunft
Die Aussage "Jedes Wesen liebt von Natur auf seine Weise Gott mehr als sich selbst" ist kein Zitat im klassischen Sinn einer volkstümlichen Redewendung. Sie entstammt vielmehr der philosophisch-theologischen Tradition. Ihren prägnantesten und einflussreichsten Ausdruck findet dieser Gedanke in den Schriften des heiligen Thomas von Aquin, insbesondere in seiner "Summa Theologica" (I, q. 60, a. 5). Dort argumentiert er, dass jedes Geschöpf von Natur aus (naturaliter) das universale Gut, also Gott, mehr liebt als sich selbst. Dieser Satz ist somit tief in der scholastischen Philosophie des 13. Jahrhunderts verwurzelt und reflektiert ein aristotelisch-christliches Weltbild, in dem alles Geschaffene auf ein höchstes Ziel, den Schöpfer, ausgerichtet ist.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen behauptet der Satz eine universale, in die Natur aller Dinge eingeschriebene Liebesordnung. "Jedes Wesen" meint dabei nicht nur den denkenden Menschen, sondern im scholastischen Verständnis die gesamte Schöpfung, vom Stein über die Pflanze bis zum Engel. Die "Weise" dieser Liebe ist entsprechend unterschiedlich: Der Stein "liebt" Gott, indem er gemäß den Gesetzen der Schwerkraft seinem natürlichen Ort zustrebt; die Pflanze, indem sie nach Licht und Wachstum strebt; der Mensch durch sein vernunftgeleitetes Streben nach dem Guten. Das "Mehr als sich selbst" ist der Knackpunkt: Es bedeutet nicht ein bewusstes, emotionales Opfer, sondern eine ontologische Ausrichtung. Das Wesen erfüllt sich selbst am vollkommensten, indem es seiner natürlichen Bestimmung folgt, die auf ein größeres Ganzes verweist. Ein häufiges Missverständnis ist, diesen Satz als Aufforderung zur Selbstverleugnung oder als Beschreibung eines gefühlten Liebesaktes zu lesen. Im ursprünglichen Kontext ist es jedoch eine nüchterne Beschreibung der Seinsordnung: Die Selbstliebe ist bereits in die Liebe zum höchsten Gut eingebettet und von ihr abgeleitet.
Relevanz heute
Die unmittelbare theologische Formulierung ist heute außerhalb philosophischer oder theologischer Diskurse selten gebräuchlich. Die zugrundeliegende Idee jedoch besitzt eine überraschende und tiefe Aktualität. Sie klingt nach in modernen Konzepten der Selbsttranszendenz, wie sie die Psychologie beschreibt: Die Erfahrung, dass echtes Glück und Erfüllung oft dann entstehen, wenn man sich für etwas Größeres als sich selbst engagiert – sei es in Liebe, für eine Gemeinschaft, eine Idee oder eine kreative Aufgabe. In einer Zeit, die oft von individualistischer Selbstoptimierung geprägt ist, bietet dieser alte Gedanke ein korrigierendes Gegenmodell: Die These, dass wir nicht gegen, sondern in der Hingabe an etwas, das uns übersteigt, ganz zu uns selbst finden. In diesem Sinne ist die Redewendung kein verstaubtes Dogma, sondern eine provokante Einladung, die eigene Stellung im Gefüge der Welt zu bedenken.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausdruck eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche. Seine Stärke entfaltet er in reflektierten, ruhigen Kontexten, die Raum für Tiefgang bieten. Er ist ein kraftvolles Element für eine philosophische Betrachtung, eine anspruchsvolle Rede oder einen Vortrag über Sinnfragen. Besonders passend kann er in einer Trauerrede sein, um das Leben des Verstorbenen als eine solche hingegebene "Weise" der Liebe und Hingabe zu deuten. In einem Essay oder Kommentar lässt sich mit ihm pointiert argumentieren, warum reiner Egoismus der menschlichen Natur widerspricht.
Hier finden Sie Beispiele für eine gelungene Integration:
- In einer Trauerrede: "Sein unermüdliches Engagement für den Naturschutz war mehr als ein Hobby. Es war, als ob in ihm jener alte Grundsatz lebendig wurde: Jedes Wesen liebt auf seine Weise Gott mehr als sich selbst. In der Hingabe an die Schönheit der Schöpfung fand er zu sich."
- In einem philosophischen Vortrag: "Der moderne Mensch sucht den Sinn oft im Inneren. Die scholastische Tradition würde vielleicht erwidern: Schauen Sie nach außen, in Ihre natürliche Ausrichtung. 'Jedes Wesen liebt von Natur auf seine Weise Gott mehr als sich selbst' – eine radikale These, die den Eigenwert der Selbstliebe nicht aufhebt, sondern ihn in einen größeren Zusammenhang stellt."
- Als gedanklicher Impuls: "Wenn Sie das nächste Mal vollkommen in einer Tätigkeit aufgehen, ob im Garten, im Gespräch oder bei der Arbeit, denken Sie an diese alte Weisheit. Vielleicht ist dieses beglückende Selbstvergessen genau der Moment, in dem wir unserer Natur am treuesten sind."
Vermeiden sollten Sie die Redewendung in sachlichen Debatten oder als schnelles Argument. Ihr Wert liegt nicht in der Schlagkraft, sondern in der Tiefe der Reflexion, die sie anstößt.
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