Jeder Wahrheit sollte man hinzufügen, daß man sich auch …
Jeder Wahrheit sollte man hinzufügen, daß man sich auch der entgegengesetzten Wahrheit entsinne.
Autor: Blaise Pascal
Herkunft
Dieser prägnante Gedanke stammt aus dem Werk des dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard. Er findet sich in seinem 1846 veröffentlichten Buch "Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken". Der Kontext ist Kierkegaards intensive Auseinandersetzung mit der subjektiven Wahrheit, der Ironie und der dialektischen Natur des Denkens. Er argumentiert gegen ein starres, dogmatisches Festhalten an einer einzigen, als absolut behaupteten Wahrheit. Die Aussage ist ein zentraler Baustein seines Denkens, das die Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz betont.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung fordert eine tiefgreifende geistige Demut und Beweglichkeit. Wörtlich bedeutet sie, dass man zu jeder erkannten oder vertretenen Wahrheit stets auch die gegenteilige, entgegengesetzte Wahrheit in Erinnerung rufen sollte. Übertragen ist sie ein Appell gegen gedankliche Einseitigkeit und ideologische Verhärtung. Sie bedeutet nicht, dass alle Positionen gleich gültig sind oder dass es keine Wahrheit gäbe. Das typische Missverständnis liegt darin, sie als Aufruf zur Beliebigkeit oder zum Relativismus zu lesen. Vielmehr geht es Kierkegaard um die dialektische Spannung: Die entgegengesetzte Wahrheit hält unsere eigene Position ehrlich, relativiert sie vielleicht und zwingt zu einer tieferen, reflektierteren Aneignung. Es ist eine Einladung, den eigenen Standpunkt nicht als Endpunkt, sondern als Teil eines lebendigen Denkprozesses zu begreifen.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute von brennender Aktualität. In einer Zeit, die von polarisierten Debatten, Echokammern in sozialen Medien und schnellen, unreflektierten Urteilen geprägt ist, wirkt Kierkegaards Maxime wie ein notwendiges geistiges Gegengift. Sie ist relevant in politischen Diskussionen, bei der Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die oft Nuancen enthalten, und in zwischenmenschlichen Konflikten. Die Fähigkeit, die Perspektive des anderen gedanklich ernst zu nehmen, ohne die eigene sofort aufzugeben, ist eine zutiefst demokratische und friedensstiftende Kompetenz. Die Redewendung erlebt eine stille Renaissance bei allen, die nach Wegen suchen, komplex zu denken und dogmatische Fallen zu vermeiden.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Satz ist weniger eine flapsige Alltagsredewendung, sondern ein philosophisches Werkzeug für anspruchsvolle Gespräche und Reflexionen. Er eignet sich hervorragend für Vorträge, Essays oder Leitartikel, die zu mehr Differenzierung aufrufen. In einer Trauerrede könnte er, behutsam eingesetzt, die ambivalenten Gefühle gegenüber einem Verstorbenen würdigen. Im beruflichen Kontext, etwa in einer Strategiediskussion, kann er dazu dienen, blinde Flecken zu benennen: "Bevor wir diesen Weg beschließen, sollten wir uns im Sinne Kierkegaards auch der entgegengesetzten Wahrheit entsinnen." Unpassend wäre er in Situationen, die klare Handlungsanweisungen oder einfachen Trost erfordern. Seine Stärke entfaltet er dort, wo es um Prinzipien, Haltungen und die Kunst des abwägenden Denkens geht.
Gelungene Anwendungsbeispiele sind:
- In einem Kommentar zur Klimapolitik: "Der Wahrheit der ökologischen Dringlichkeit sollten wir stets hinzufügen, daß wir uns auch der entgegengesetzten Wahrheit entsinnen – der nach wie vor bestehenden sozialen Verantwortung gegenüber denen, die sich radikale Veränderungen nicht leisten können."
- In einer Diskussion über pädagogische Konzepte: "Die Begeisterung für digitale Lernmittel ist berechtigt. Doch die pädagogische Wahrheit verlangt, dass wir uns der entgegengesetzten Wahrheit entsinnen: der unersetzlichen Rolle der direkten menschlichen Beziehung im Lehrprozess."
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