Der Mensch vermag in jedem Augenblick ein übersinnliches …
Der Mensch vermag in jedem Augenblick ein übersinnliches Wesen zu sein. Ohne dies wäre er nicht Weltbürger - er wäre ein Tier.
Autor: Novalis
Herkunft
Die Herkunft dieses prägnanten Ausspruchs ist nicht mit letzter Sicherheit zu bestimmen. Er wird häufig dem deutschen Dichter und Naturphilosophen Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) zugeschrieben, einem zentralen Vertreter der Frühromantik. Ein exakter literarischer Beleg, etwa aus seinen bekannten Werken oder Fragmenten, lässt sich jedoch nicht eindeutig nachweisen. Die Formulierung spiegelt exakt den Geist und die zentralen Gedanken der Romantik wider, insbesondere die Betonung des Unendlichen, die Überwindung der rein materiellen Welt und die Idee einer universalen, geistigen Verbundenheit aller Menschen. Da eine hundertprozentige Quellensicherheit nicht gegeben ist, wird dieser Punkt hier weggelassen.
Biografischer Kontext
Die Redewendung wird mit dem Denken von Novalis in Verbindung gebracht. Novalis war mehr als nur ein Dichter; er war ein visionärer Denker, der in einer von Rationalismus geprägten Zeit die Kraft von Poesie, Glauben und Imagination als Werkzeuge zur Welterkenntnis verteidigte. Was ihn heute noch faszinierend macht, ist sein radikaler Entwurf einer "Romantisierung der Welt". Für ihn war die sichtbare, alltägliche Welt nur ein Teil einer größeren, geistigen Wirklichkeit. Die Aufgabe des Menschen bestand darin, diese verborgene Tiefe durch Sinnlichkeit, Liebe und künstlerischen Ausdruck sichtbar zu machen. Seine Weltsicht ist besonders, weil sie Wissenschaft, Religion und Kunst nicht als Gegensätze, sondern als verschiedene Sprachen für dieselbe universale Wahrheit verstand. Seine bis heute gültige Kernidee ist, dass der Mensch nicht auf seine biologische oder soziale Funktion reduziert werden kann, sondern ein schöpferisches, nach dem Unendlichen strebendes Wesen ist. Diese Haltung bildet das Fundament des Zitats.
Bedeutungsanalyse
Das Zitat stellt eine klare und anspruchsvolle Definition des Menschseins dar. Wörtlich bedeutet es: Der Mensch hat in jedem Moment die Fähigkeit ("vermag"), ein über die Sinne hinausgehendes, geistiges Wesen zu sein. Der entscheidende Begriff ist "übersinnlich". Er meint nicht etwa übersinnliche Fähigkeiten im esoterischen Sinne, sondern die menschliche Kapazität für Ideen, Moral, Kunst, Spiritualität und Vernunft – alles, was über die rein triebgesteuerte, sinnliche Wahrnehmung der Tiere hinausgeht. Die übertragene Bedeutung ist eine ethische Forderung: Unser Menschsein erfüllen wir erst, wenn wir diese geistige Dimension aktivieren. Ein typisches Missverständnis wäre, den Satz als elitär oder weltfremd zu lesen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gerade durch das Übersinnliche, also durch geteilte Werte, Ideale und eine universale Ethik, wird der Mensch erst zum "Weltbürger", der sich einer globalen Gemeinschaft zugehörig fühlt. Ohne diese Dimension, so die drastische Schlussfolgerung, wäre er nur ein Tier, gefangen in den Grenzen seiner unmittelbaren Bedürfnisse.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute von brennender Aktualität. In einer Zeit, die oft von materialistischem Denken, kurzfristiger Nutzenmaximierung und der Reduzierung des Menschen auf seine Daten oder seine ökonomische Funktion geprägt ist, wirkt das Zitat wie ein notwendiges Korrektiv. Es erinnert an die unveräußerliche Würde des Menschen, die gerade in seiner Fähigkeit zu Mitgefühl, zu künstlerischem Schaffen, zu philosophischer Reflexion und zu selbstlosem Handeln liegt. Die Idee des Weltbürgertums ("Weltbürger") ist zudem im Zeitalter der Globalisierung und großer gemeinsamer Herausforderungen wie dem Klimawandel hochrelevant. Es geht um die Frage: Was verbindet uns als Menschheit jenseits unserer nationalen, kulturellen oder biologischen Unterschiede? Das Zitat gibt eine klare Antwort: unser gemeinsames Potenzial, uns über das unmittelbar Gegebene zu erheben und Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.
Praktische Verwendbarkeit
Dies ist kein Ausspruch für lockere Alltagsgespräche, sondern für besondere, reflektierte Anlässe. Er eignet sich hervorragend für Reden, bei denen es um Visionen, Werte oder die Würde des Menschen geht.
- Vorträge und Keynotes: Zum Einstieg in Themen wie Unternehmenskultur, ethische Führung oder gesellschaftliche Verantwortung. Beispiel: "Bevor wir über Effizienzsteigerung sprechen, sollten wir uns fragen: Was macht unser Unternehmen menschlich? Novalis sagte einst: 'Der Mensch vermag in jedem Augenblick ein übersinnliches Wesen zu sein.' Übertragen auf unser Handeln heißt das: Wir haben die Wahl, nur Gewinn zu maximieren oder durch unser Tun Sinn zu stiften."
- Trauerreden: Um das Leben eines Verstorbenen zu würdigen, der sich durch besonderes Engagement, Humanität oder geistige Schaffenskraft auszeichnete. Beispiel: "Sein Leben war ein Beweis dafür, dass der Mensch in jedem Augenblick ein übersinnliches Wesen sein kann. Sein Wirken als Weltbürger, der sich für andere einsetzte, zeigte, dass er diese Fähigkeit täglich genutzt hat."
- Philosophische oder pädagogische Diskussionen: Als Impuls zur Diskussion über Bildung, Erziehung oder den Sinn des Lebens. Beispiel: "Unser Bildungssystem sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch diesen 'übersinnlichen' Muskel trainieren – die Fähigkeit zu Empathie, kritischem Denken und kreativer Gestaltung."
Sie sollten den Satz vermeiden, wenn der Kontext zu salopp, technisch oder kontrovers ist. Er wirkt in hitzigen Debatten schnell belehrend oder abgehoben. Seine Stärke entfaltet er dort, wo Raum für Tiefgang und Inspiration ist.
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