Mich dünkt, dass kein schädlicher Laster auf Erden sei, …
Mich dünkt, dass kein schädlicher Laster auf Erden sei, denn Lügen und Untreue, welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennt.
Autor: Martin Luther
Herkunft
Die Aussage "Mich dünkt, dass kein schädlicher Laster auf Erden sei, denn Lügen und Untreue, welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennt" stammt aus dem bedeutenden Werk "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Das Buch erschien erstmals im Jahr 1668 und gilt als der erste große deutschsprachige Schelmenroman. Der Satz findet sich im dritten Buch des Romans, wo die titelgebende Hauptfigur Simplicissimus im fünften Kapitel seine tiefgreifenden und oft bitteren Lebenserfahrungen reflektiert. Der Kontext ist eine allgemeine Abhandlung über Laster und Tugenden, in der Simplicissimus, geprägt von den Gräueln und Verwerfungen des Dreißigjährigen Krieges, zu einer moralischen Grundsatzbetrachtung gelangt. Die spezifische Formulierung ist somit fest in der literarischen und geistesgeschichtlichen Strömung des 17. Jahrhunderts verankert, einer Zeit, in der Fragen nach Wahrheit, Vertrauen und sozialem Zusammenhalt nach den traumatischen Erfahrungen eines langen Krieges besonders dringlich waren.
Bedeutungsanalyse
Die Formulierung "Mich dünkt" bedeutet einfach "Mir scheint" oder "Ich meine". Der Kern der Aussage liegt in der darauffolgenden Wertung. Wörtlich erklärt der Sprecher, dass es auf der Welt kein schädlicheres Laster gebe als "Lügen und Untreue". Wichtig ist hier die historische Sprachwendung: Das Wort "denn" ist hier nicht im heutigen kausalen Sinn ("weil") zu verstehen, sondern als veraltete Vergleichspartikel im Sinne von "als". Die korrekte moderne Übersetzung lautet also: "Mich dünkt, dass kein schädlicher Laster auf Erden sei als Lügen und Untreue."
Der übertragene Sinn ist eine fundamentale ethische These. Grimmelshausen stellt über seine Figur die These auf, dass alle anderen Laster (wie Habsucht, Neid oder Zorn) möglicherweise weniger zerstörerisch für das menschliche Zusammenleben seien. Lügen und Untreue werden als die Grundübel identifiziert, weil sie das Fundament jeder menschlichen Gemeinschaft angreifen: das Vertrauen. Wo Vertrauen durch bewusste Täuschung oder Treuebruch zerstört wird, zerbricht auch die Gemeinschaft ("zertrennt"). Ein typisches Missverständnis könnte in der Aufzählung "Lügen und Untreue" liegen. Es handelt sich nicht um zwei getrennte, gleichrangige Laster, sondern um ein eng verknüpftes Begriffspaar, das den Bruch von Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit in zwischenmenschlichen Bindungen umfasst. Die Redewendung ist somit eine zeitlose Warnung vor den gesellschaftszerstörenden Kräften der Unwahrhaftigkeit.
Relevanz heute
Die Aussage hat nichts von ihrer eindringlichen Relevanz verloren. In einer Zeit, die häufig mit Begriffen wie "Fake News", "Vertrauensverlust in Institutionen" oder "Filterblasen" beschrieben wird, wirkt Grimmelshausens Diagnose geradezu prophetisch. Die "Gemeinschaft der Menschen" steht heute auf globaler, nationaler und sogar auf der Ebene kleiner sozialer Gruppen unter dem ständigen Stress von Desinformation und gebrochenen Versprechen. Die Redewendung selbst wird im alltäglichen Sprachgebrauch zwar nicht mehr wörtlich zitiert, da ihr Satzbau altertümlich ist. Jedoch lebt der zentrale Gedanke fort und findet sich in modernen Diskussionen über Medienethik, politische Kultur, Führungsverantwortung und private Beziehungen wieder. Die Erkenntnis, dass Vertrauen das wichtigste soziale Kapital ist und Lügen es unwiederbringlich zerstört, ist heute genauso gültig wie im 17. Jahrhundert.
Praktische Verwendbarkeit
Das direkte Zitat eignet sich aufgrund seiner altertümlichen, aber kraftvollen Sprache besonders für formellere Anlässe, bei denen eine tiefgründige moralische oder gesellschaftliche Reflexion im Mittelpunkt steht. Es wäre ein ausgezeichneter und ungewöhnlicher Einstieg oder Bestandteil einer Rede zu Themen wie Integrität, Unternehmenskultur, Journalismus oder politischer Verantwortung. Auch in einer Trauerrede für eine Person, für die Wahrhaftigkeit ein zentraler Wert war, könnte das Zitat eine würdige und nachdenkliche Note setzen.
Im lockeren Alltagsgespräch wäre der vollständige Satz wahrscheinlich zu pathetisch und zu schwerfällig. Hier kann man den Kerngedanken modern umformulieren. Die Redewendung ist nicht salopp oder flapsig, sondern ernst und gewichtig. Sie sollte daher nicht in trivialen Kontexten verwendet werden, wo es um kleine Notlügen oder unbedeutende Versprechen geht. Ihr angemessener Platz ist die Diskussion grundsätzlicher Werte.
Beispiele für gelungene Verwendung:
- In einem Vortrag über Führungsethik: "Bereits Grimmelshausen ließ seinen Simplicissimus im 17. Jahrhundert feststellen: 'Mich dünkt, dass kein schädlicher Laster auf Erden sei, denn Lügen und Untreue...' Diese Einsicht ist der Kern jeder vertrauensbasierten Unternehmenskultur. Ohne Wahrheit und Verlässlichkeit zerbricht jedes Team."
- In einem Kommentar zum Thema Desinformation: "Was heute als 'postfaktisch' bezeichnet wird, diagnostizierte der Dichter des Barock bereits als das zerstörerischste aller Laster. Sein Maßstab war einfach: Was zertrennt die Gemeinschaft der Menschen? Die Antwort bleibt aktuell: Lügen und Untreue."
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