Es ist keine Tugend, edel geboren werden, sondern sich edel …

Es ist keine Tugend, edel geboren werden, sondern sich edel machen.

Autor: unbekannt

Herkunft

Die prägnante Sentenz "Es ist keine Tugend, edel geboren werden, sondern sich edel machen" stammt aus dem Werk "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Das Buch, erschienen 1668, gilt als der erste bedeutende Abenteuer- und Schelmenroman in deutscher Sprache. Der Satz findet sich im fünften Buch, sechstes Kapitel, und wird von einem Einsiedler gegenüber der Titelfigur Simplicius geäußert. Der Kontext ist entscheidend: Inmitten der Wirren und Gräuel des Dreißigjährigen Krieges stellt diese Aussage eine radikale Gegenposition zur ständischen Gesellschaftsordnung dar, in welcher der Wert eines Menschen primär durch seine Geburt bestimmt wurde. Grimmelshausen formuliert hier ein frühes literarisches Plädoyer für Selbstverantwortung und Charakterbildung.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung trennt scharf zwischen äußerem Status und innerem Wert. Wörtlich nimmt sie Bezug auf den Adel, also den Stand, in den man hineingeboren wird. Die übertragene Bedeutung ist jedoch wesentlich umfassender: Es geht um jegliche Form von unverdientem Vorzug, sei es durch Reichtum, Herkunft, Titel oder auch bloßes Glück. Die wahre Tugend – im Sinne von moralischer Vortrefflichkeit und Verdienst – liegt laut dem Spruch nicht im passiven Empfangen dieser Privilegien, sondern im aktiven Gestalten des eigenen Charakters. Ein typisches Missverständnis wäre, die Aussage als pauschale Verurteilung aller Adeligen oder Begünstigten zu lesen. Das ist nicht der Kern. Vielmehr richtet sich die Kritik gegen die Annahme, dass der Geburtsstand allein schon einen moralischen Wert darstelle. Die eigentliche Leistung beginnt erst mit der bewussten Entscheidung, ein edles, also ein rechtes und wertvolles Leben zu führen, unabhängig von den Startbedingungen.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute vielleicht relevanter denn je. In einer Gesellschaft, die einerseits Chancengleichheit propagiert, andererseits aber durch Erbschaften, Netzwerke und algorithmische Vorteilsverteilung neue Formen von "Geburtsprivilegien" schafft, stellt Grimmelshausens Satz eine zeitlose Provokation dar. Er findet Resonanz in Debatten über soziale Gerechtigkeit, "Self-Made"-Erfolge und die Frage, worauf wir unseren Respekt eigentlich gründen sollten. Verwendet wird die Redewendung oft in anspruchsvollen Kontexten wie Essays, philosophischen Diskussionen oder Reden, die sich mit persönlicher Entwicklung, Führungsethik oder gesellschaftlicher Verantwortung beschäftigen. Sie dient als kraftvolle Erinnerung daran, dass unser wahrer Wert nicht das ist, was wir vorfinden, sondern das, was wir daraus machen.

Praktische Verwendbarkeit

Dieser Ausspruch eignet sich für formelle bis semi-formelle Anlässe, bei denen es um Werte, Leistung oder persönliches Wachstum geht. Er ist zu gewichtig und literarisch für lockere Alltagsgespräche und könnte dort als affektiert wirken. In einer Trauerrede über einen Menschen, der sich aus schwierigen Verhältnissen emporgearbeitet hat, wäre er hingegen sehr passend. Ebenso in einer Motivationsrede für Absolventen oder in einem Artikel über Unternehmenskultur, der echtes Verdienst vor bloßem Titel setzt.

Beispiele für gelungene Sätze:

  • In seiner Antrittsrede betonte der neue Vorstand: "Unser Unternehmen wird künftig jene fördern, die sich durch Leistung und Ideen auszeichnen. Denn, um mit Grimmelshausen zu sprechen, es ist keine Tugend, edel geboren werden, sondern sich edel machen."
  • Die Laudatio auf die Preisträgerin schloss mit den Worten: "Ihr Werdegang ist der lebendige Beweis für die alte Wahrheit, dass es keine Tugend ist, edel geboren zu werden, sondern sich edel zu machen."
  • In einem Kommentar zur Diskussion um Erbschaftssteuern schrieb eine Kolumnistin: "Statt immer nur über das Ererbte zu streiten, sollten wir eine Kultur des selbst Geschaffenen feiern. Die eigentliche Tugend liegt nicht in der Geburt, sondern in der eigenen Tat."