Weder wollen wir um schändliche Dinge bitten noch sie tun, …

Weder wollen wir um schändliche Dinge bitten noch sie tun, wenn wir darum gebeten worden sind.

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieser prägnante Grundsatz stammt aus dem Werk "De officiis" (Über die Pflichten) des römischen Philosophen und Politikers Marcus Tullius Cicero. Das Werk, das im Jahr 44 v. Chr. entstand, ist eine Abhandlung über Moral und Ethik, die Cicero für seinen Sohn verfasste. Der Satz findet sich im ersten Buch, Kapitel 40, und lautet im lateinischen Original: "Nec vero umquam de turpi quaestu, nec de flagitioso facinore, aut cogitandum est aut optandum." Frei übersetzt bedeutet dies: "Weder darf man je an schändlichen Gewinn denken noch ihn wünschen, noch eine schändliche Tat begehen, selbst wenn man darum gebeten wird." Die prägnante deutsche Formulierung "Weder wollen wir um schändliche Dinge bitten noch sie tun, wenn wir darum gebeten worden sind" ist eine klassische, sinngemäße Wiedergabe dieser ciceronischen Maxime.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung formuliert eine doppelte ethische Barriere. Wörtlich genommen verbietet sie zwei Handlungen: Erstens, selbst aktiv um etwas Unmoralisches zu ersuchen, und zweitens, einer unmoralischen Bitte nachzukommen, selbst wenn man nicht der Initiator war. Die übertragene Bedeutung geht jedoch tiefer. Es handelt sich um ein universelles Prinzip der Integrität, das die eigene moralische Autonomie betont. Der Kern liegt in der Weigerung, sich überhaupt auf "schändliche Dinge" einzulassen, egal von welcher Seite der Impuls kommt. Ein häufiges Missverständnis könnte sein, dass es hier nur um Bestechung oder offenkundig kriminelle Handlungen geht. In Ciceros Geist umfasst "turpis" (schändlich) jedoch alles, was gegen Anstand, Ehre und das Gemeinwohl verstößt. Die Redewendung ist also eine kompakte Aufforderung zur konsequenten Haltung, die sich nicht von der Herkunft einer Aufforderung (ob eigenes Begehren oder fremde Bitte) korrumpieren lässt.

Relevanz heute

Die Aktualität dieses über 2000 Jahre alten Satzes ist frappierend. In einer Zeit, in der Grenzen des Erlaubten oft ausgelotet und Verantwortung gerne delegiert oder mit dem Hinweis auf äußeren Druck abgetan wird, bietet diese Redewendung einen klaren Kompass. Sie ist relevant in Diskussionen über Compliance in Unternehmen, politische Ethik, persönliche Integrität im Berufsleben und sogar im digitalen Raum, etwa beim Umgang mit Hetze oder Falschinformationen. Die Frage "Warum hast du das getan?" mit "Weil ich darum gebeten wurde" zu beantworten, gilt heute mehr denn je als unzureichend. Ciceros Maxime erinnert daran, dass jede Person eine letzte Instanz der moralischen Prüfung bleibt und die Herkunft einer Bitte keine Entschuldigung für verwerfliches Handeln ist.

Praktische Verwendbarkeit

Dieser Ausspruch eignet sich besonders für formelle oder semi-formelle Kontexte, in denen es um Grundsatzfragen der Ethik geht. In einer Rede zur Unternehmenskultur, in einem Vortrag über Führungsverantwortung oder in einem Leitartikel zu politischen Skandalen entfaltet er seine volle Wirkung. Für eine lockere Alltagsunterhaltung oder eine Trauerrede ist er hingegen zu abstrakt und philosophisch. Man kann ihn als mahnendes Zitat verwenden, um eine Diskussion über Verantwortung zu eröffnen, oder als prägnante Zusammenfassung eines ethischen Standpunkts.

Gelungene Anwendungsbeispiele wären:

  • In einem Compliance-Workshop: "Unser Leitbild lässt sich mit einem Satz des römischen Philosophen Cicero zusammenfassen: 'Weder wollen wir um schändliche Dinge bitten noch sie tun, wenn wir darum gebeten worden sind.' Das bedeutet, wir lehnen nicht nur Bestechungsversuche ab, sondern unterlassen auch jeden Druck auf Geschäftspartner."
  • In einem Kommentar zu politischem Lobbyismus: "Die alte Weisheit 'Weder wollen wir um schändliche Dinge bitten noch sie tun...' sollte in den Amtsstuben wieder mehr Gewicht erhalten. Ein Gesuch von einflussreicher Seite darf kein Freibrief für fragwürdige Entscheidungen sein."
  • Zur Charakterisierung einer integren Person: "Ihr Markenzeichen war diese ciceronische Haltung: Sie bat nie um Gefälligkeiten, die nicht rechtens waren, und sie widerstand stets solchen Bitten, wenn sie an sie herangetragen wurden."