Der Staat ist die Sache des Volkes; Volk aber ist nicht jede …
Der Staat ist die Sache des Volkes; Volk aber ist nicht jede beliebig zusammengewürfelte Anhäufung von Menschen, sondern der Zusammenschluss einer größeren Zahl, die durch eine einheitliche Rechtsordnung und ein gemeinsames Staatsziel zu einer Gesellschaft wird.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Aussage stammt aus dem Werk "De re publica" (Über den Staat) des römischen Philosophen und Staatsmannes Marcus Tullius Cicero. Sie tritt erstmals im ersten Jahrhundert vor Christus auf, konkret im ersten Buch, Kapitel 39. Cicero formuliert hier eine grundlegende Definition des Staates und des Volkes im Rahmen eines fiktiven Dialogs zwischen Scipio Aemilianus und anderen bedeutenden Römern. Der Kontext ist die Suche nach der besten Staatsform und die philosophische Fundierung des Begriffs "res publica" (wörtlich: die öffentliche Sache).
Bedeutungsanalyse
Wörtlich definiert Cicero den Staat als "res populi", also als das Gemeinwesen, das dem Volk gehört und für dessen Wohl es da ist. Entscheidend ist jedoch seine präzise Bestimmung des "Volkes". Es handelt sich für ihn nicht um eine bloße zufällige Menschenmenge, wie sie auf einem Marktplatz oder bei einem Fest zusammenkommen könnte. Ein Volk entsteht erst durch eine dauerhafte Verbindung, die auf zwei Säulen ruht: einer gemeinsamen Rechtsordnung ("iuris consensu") und einer Übereinstimmung im Gemeinwohl ("utilitatis communione"). Erst diese beiden Elemente schmieden aus Individuen eine echte Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Ziel. Ein typisches Missverständnis wäre, den Begriff "Staatsziel" hier modern-ideologisch zu lesen. Cicero meint damit kein konkretes politisches Programm, sondern die grundsätzliche Anerkennung und das gemeinsame Streben nach dem, was für die Gemeinschaft als Ganzes nützlich und rechtens ist.
Relevanz heute
Die Formulierung ist heute hochaktuell, da sie eine zeitlose Frage aufwirft: Was hält eine Gesellschaft eigentlich zusammen? In Debatten über Migration, Integration, den sozialen Zusammenhalt oder die Legitimität politischer Systeme wird genau dieser ciceronische Maßstab oft implizit diskutiert. Ist eine Gesellschaft mehr als die Summe ihrer Einwohner? Die Antwort lautet nach dieser Lesart: Ja, aber nur, wenn alle Mitglieder das gleiche Recht anerkennen und ein gemeinsames Interesse am Wohl des Ganzen verfolgen. Diese Idee ist ein Fundament des modernen Verfassungsstaates, der auf Rechtsstaatlichkeit und Gemeinwohlorientierung basiert. Die Redewendung wird weniger im alltäglichen Sprachgebrauch, sondern vielmehr in politisch-philosophischen Diskursen, in staatsrechtlichen Vorlesungen oder bei feierlichen Anlässen zitiert, um den essenziellen Sinn von Staatlichkeit zu beschwören.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche, sondern für formelle und reflektierte Kontexte, in denen es um Grundsatzfragen geht. Es ist perfekt für Reden, Vorträge oder schriftliche Abhandlungen, die das Wesen von Gemeinschaft, Verantwortung und Staat beleuchten wollen.
Geeignete Anlässe:
- Politische Reden, insbesondere zu Nationalfeiertagen oder Verfassungstagen.
- Festvorträge an Universitäten zu Themen der Politischen Philosophie oder Rechtswissenschaft.
- Einleitungen oder Kapitel in wissenschaftlichen Arbeiten, die Staatsdefinitionen behandeln.
- Feierliche Ansprachen bei Jubiläen von Institutionen, die dem Gemeinwohl dienen.
Beispielsätze:
In einer Rede zur Verfassung: "Unsere Verfassung ist mehr als ein Dokument; sie ist der lebendige Ausdruck dessen, was uns zu einem Volk macht. Schon Cicero wusste: Der Staat ist die Sache des Volkes, und dieses Volk definiert sich durch die Anerkennung einer gemeinsamen Rechtsordnung."
In einem Essay über gesellschaftlichen Zusammenhalt: "Wenn wir heute über Spaltung klagen, sollten wir Ciceros Maßstab bedenken. Ein funktionierendes Gemeinwesen entsteht nicht von selbst, sondern durch den täglichen Konsens über das Recht und das unermüdliche Arbeiten an gemeinsamen Zielen."
Ungeeignet ist das Zitat in saloppen Diskussionen, in Marketingtexten oder in Situationen, die eine schnelle, einfache Botschaft erfordern. Sein Gebrauch erfordert einen gewissen intellektuellen Raum und einen respektvollen Kontext.