Dieser Krieg wäre nie ausgebrochen, wenn wir nicht unter …
Dieser Krieg wäre nie ausgebrochen, wenn wir nicht unter dem Druck der Amerikaner und neumodischer Gedankengänge die Habsburger aus Österreich-Ungarn und die Hohenzollern aus Deutschland vertrieben hätten. Indem wir in diesen Ländern ein Vakuum schufen, gaben wir dem Ungeheuer Hitler die Möglichkeit, aus der Tiefe der Gosse zum leeren Thron zu kriechen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Aussage stammt aus dem Umfeld des ehemaligen deutschen Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten Franz von Papen. Sie wird ihm in einem Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus dem Jahr 1934 zugeschrieben. In diesem historischen Dokument versucht von Papen, die Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären und weist dabei die Verantwortung von sich und konservativen Kreisen. Der Kontext ist somit eine Rechtfertigungsschrift nach der Machtergreifung Hitlers, in der die Abschaffung der Monarchien in Deutschland und Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg als entscheidender Fehler dargestellt wird.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt das Zitat eine kausale Kette: Die Vertreibung der traditionellen Herrscherhäuser (Habsburger, Hohenzollern) habe ein machtpolitischen Vakuum geschaffen. In dieses Vakuum sei dann Adolf Hitler "aus der Gosse" aufgestiegen. Die übertragene Bedeutung ist eine Warnung vor den unvorhergesehenen und katastrophalen Folgen radikaler politischer Umstürze, die stabile Institutionen beseitigen, ohne tragfähige neue Ordnungen zu etablieren. Ein typisches Missverständnis wäre, die Aussage als objektive historische Analyse zu lesen. Es handelt sich vielmehr um eine polemische und selbstentlastende Interpretation eines beteiligten Akteurs, der die komplexen Gründe für den Nationalsozialismus auf einen einzigen, für ihn bequemen Faktor reduziert. Die bildhafte Sprache ("Ungeheuer", "Gosse", "kriechen") dient der dramatisierenden und emotionalen Überzeugung.
Relevanz heute
Als feststehende Redewendung im alltäglichen Sprachgebrauch ist dieser Satz nicht geläufig. Seine Relevanz liegt heute in der historisch-politischen Debatte. Er wird zitiert, wenn es um die Analyse von Staatskrisen, den Zusammenbruch von Ordnungssystemen oder die Gefahren von Machtvakuen geht. Die Kernfrage, ob der Sturz autoritärer, aber stabilisierender Systeme unweigerlich zu schlimmeren Regimen führen kann, ist nach wie vor aktuell. In Diskussionen über gescheiterte Staaten oder revolutionäre Umbrüche kann dieses Zitat als historisches Beispiel für eine bestimmte Denkrichtung angeführt werden. Es fungiert somit weniger als Redensart, sondern mehr als ein prägnantes historisches Argument in geschichtswissenschaftlichen oder politischen Kommentaren.
Praktische Verwendbarkeit
Die Verwendung dieses Zitats im Alltag ist aufgrund seiner Länge, Komplexität und des schweren historischen Bezugs sehr begrenzt. Es eignet sich nicht für lockere Gespräche oder saloppe Anlässe. Eine angemessene Nutzung findet möglicherweise in folgenden Kontexten statt:
- Vorträge oder Essays zu Themen wie "Die Weimarer Republik", "Der Aufstieg des Nationalsozialismus" oder "Folgen politischer Revolutionen". Hier kann es als pointierte Primärquelle eingebracht werden.
- Ansprachen oder Kommentare, die vor vorschnellem Sturz bestehender Ordnungen warnen wollen, etwa in einer analytischen Debatte über internationale Politik. Die Formulierung wäre jedoch stets als Zitat kenntlich zu machen und kritisch einzuordnen.
- Als Impuls in einem bildungspolitischen Seminar, um die Subjektivität historischer Deutungen zu diskutieren.
Ein Beispielsatz für einen solchen Fachvortrag könnte lauten: "Die konservativen Eliten Deutschlands verkannten Hitler lange, wie Franz von Papens Brief an Roosevelt zeigt, in dem er behauptete, man habe 'dem Ungeheuer Hitler die Möglichkeit' gegeben, 'aus der Tiefe der Gosse zum leeren Thron zu kriechen' – eine Formulierung, die vor allem der eigenen Entlastung diente." Für Trauerreden, Alltagsgespräche oder lockere Anlässe ist diese bildgewaltige, aber historisch belastete Formulierung eindeutig unpassend.