Es gibt Leute, die halten Unternehmer für einen räudigen …
Es gibt Leute, die halten Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse, andere meinen, der Unternehmer sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken kann. Nur ganz wenige sehen in ihm das Pferd, das den Karren zieht.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Redewendung stammt aus der Feder des deutschen Schriftstellers und Publizisten Ludwig Reiners. Sie findet sich in seinem 1954 erschienenen Werk "Die Kunst der Rede und des Gesprächs". Reiners verfasste dieses Buch als praktischen Leitfaden für jedermann, der seine rhetorischen Fähigkeiten verbessern wollte. Im Kontext des Werkes dient das Zitat als mustergültiges Beispiel für eine bildhafte und einprägsame Argumentation. Der Autor demonstriert damit, wie man komplexe gesellschaftliche Positionen durch treffende Metaphern veranschaulichen und gegenüberstellen kann. Es ist ein stilistisches Musterbeispiel aus einem Werk, das Generationen von Lesern prägte.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung nutzt drei kraftvolle Tier-Metaphern, um die gängigen, oft extremen Vorurteile gegenüber der Rolle des Unternehmers in der Gesellschaft zu entlarven. Wörtlich beschreibt sie tierische Klischees, übertragen steht jede Figur für eine grundlegende wirtschaftspolitische Haltung.
- Der räudige Wolf: Dieses Bild verkörpert die feindselige Sichtweise, die den Unternehmer als gefährlichen, ausbeuterischen und moralisch verkommenen Akteur betrachtet, den es zu bekämpfen und zu eliminieren gilt.
- Die Kuh, die man melken kann: Diese Metapher steht für eine instrumentelle, kurzsichtige Haltung. Der Unternehmer wird hier lediglich als Quelle für Steuern, Abgaben oder Gewinne gesehen, die man endlos anzapfen kann, ohne an sein Wohlergehen oder seine Zukunftsfähigkeit zu denken.
- Das Pferd, das den Karren zieht: Dies ist die konstruktive und anerkennende Perspektive. Sie sieht im Unternehmer die treibende Kraft, den Motor der Wirtschaft, der durch seine Leistung, Innovation und Risikobereitschaft die gesamte "Last" des Wohlstands und der Arbeitsplätze voranbringt.
Ein typisches Missverständnis wäre, die Redewendung als reine Unternehmer-Lobpreisung zu lesen. Vielmehr ist sie eine kritische Reflexion über gesellschaftliche Wahrnehmungen. Sie stellt die ersten beiden, verbreiteten Karikaturen der dritten, nach Ansicht des Autors vernünftigen Sichtweise gegenüber und plädiert damit für eine ausgewogenere Betrachtung.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute erstaunlich aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je. Die Debatten um Globalisierung, Managergehälter, Steuergerechtigkeit, Start-up-Kultur und die soziale Marktwirtschaft sind voll von genau diesen archetypischen Bildern. Die polarisierenden Metaphern des Wolfs und der Milchkuh tauchen in politischen Diskursen, sozialen Medien und öffentlichen Debatten ständig auf, oft nur leicht verkleidet.
Die Redewendung bietet daher ein hervorragendes analytisches Werkzeug, um die oft emotional geführten Diskussionen über Wirtschaft zu versachlichen. Sie fordert uns auf, zu hinterfragen, mit welcher Brille wir auf Unternehmer und ihre Rolle schauen. In Zeiten des Wandels durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit gewinnt die Frage, ob wir die "Pferde" fördern oder sie erschöpfen, eine ganz neue Dringlichkeit.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Bild eignet sich hervorragend für jede Art von Rede oder Text, die sich mit Wirtschaft, Gesellschaft oder Führung beschäftigt. Seine Stärke liegt in der klaren Visualisierung abstrakter Positionen.
Geeignete Kontexte:
- Vorträge und Keynotes: Vor Wirtschaftskammern, bei Unternehmertagen oder in politischen Diskussionsrunden. Es dient als perfekter Einstieg, um eine differenzierte Diskussion anzustoßen.
- Kommentare und Kolumnen: In Zeitungen, Fachmagazinen oder Blogs, um eine verfahrene Debatte auf den Punkt zu bringen.
- Lehre und Ausbildung: In Wirtschafts- oder Sozialkundeunterricht, um grundlegende wirtschaftspolitische Weltbilder zu veranschaulichen.
Weniger geeignet ist die Redewendung in sehr formellen oder juristischen Texten sowie in Situationen, die reine Empathie erfordern (wie eine Trauerrede). Sie kann in hitzigen Debatten auch als zu zugespitzt oder vereinfachend empfunden werden.
Anwendungsbeispiele:
"In der aktuellen Diskussion um die Steuerreform zeigt sich das alte Dilemma: Die einen sehen in den Betroffenen nur den räudigen Wolf, andere eine Kuh, die man melken kann. Vielleicht sollten wir wieder lernen, die Pferde wertzuschätzen, die unseren Wohlstandskarren ziehen."
"Unser Gründergeist wird oft in falsche Metaphern gezwängt. Wir sind weder Wölfe noch Milchkühe. Wenn dieses Land vorankommen will, braucht es Pferde, die ziehen – und ein Umfeld, das sie dabei unterstützt."