Ich ziehe die Gesellschaft der Tiere der menschlichen vor. …
Ich ziehe die Gesellschaft der Tiere der menschlichen vor. Gewiss, ein wildes Tier ist grausam. Aber die Gemeinheit ist das Vorrecht des zivilisierten Menschen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Aussage "Ich ziehe die Gesellschaft der Tiere der menschlichen vor. Gewiss, ein wildes Tier ist grausam. Aber die Gemeinheit ist das Vorrecht des zivilisierten Menschen." wird häufig dem irischen Schriftsteller Oscar Wilde zugeschrieben. Eine exakte und zweifelsfreie Quellenangabe zu Erstveröffentlichung und Kontext ist jedoch nicht möglich. Das Zitat taucht in keiner seiner maßgeblichen, zu Lebzeiten veröffentlichten Werke auf. Es kursiert vor allem in Zitatensammlungen und im Internet, oft ohne konkreten Beleg. Daher muss dieser Punkt, gemäß der Vorgabe, weggelassen werden, da die Angaben nicht hundertprozentig sicher und belegbar sind.
Bedeutungsanalyse
Dieser Ausspruch ist eine scharfzüngige und bewusst provokante Gegenüberstellung von Natur und Zivilisation. Wörtlich stellt der Sprecher seine persönliche Präferenz für tierische Gesellschaft über die menschliche. Die anschließende Erklärung ist der Kern der Aussage: Die Grausamkeit eines wilden Tieres wird als natürlich, instinktgesteuert und frei von böser Absicht dargestellt. Im Kontrast dazu wird die "Gemeinheit" – also niederträchtiges, hinterhältiges oder seelisch verletzendes Verhalten – als ein spezifisches Produkt der menschlichen Zivilisation charakterisiert. Es ist ein bewusstes, durch soziale Strukturen und Verstellung ermöglichtes Übel, das der Wilde nicht kennt. Ein typisches Missverständnis wäre, die Aussage als plumpen Tierverherrlichung oder pauschale Menschenfeindlichkeit zu lesen. Vielmehr ist sie eine kulturkritische Spitze. Sie prangert nicht die Animalität im Menschen an, sondern die pervertierten Formen des Umgangs, die erst in einer als zivilisiert geltenden Gesellschaft zur Blüte gelangen. Die Pointe liegt in der bitteren Ironie: Ausgerechnet der zivilisierte Mensch, der sich über die Natur erhebt, hat die Gemeinheit als eine Art unrühmliches Alleinstellungsmerkmal perfektioniert.
Relevanz heute
Die Relevanz dieser Sentenz ist ungebrochen, ja sie erfährt in der heutigen Zeit sogar neue Aktualität. In einer Ära, die von sozialen Medien, politischer Polarisierung und oft anonym geführten Debatten geprägt ist, finden sich vielfältige Beispiele für das, was der Autor als "Gemeinheit" bezeichnet: gezielte Herabwürdigung, Mobbing, Verleumdung, heuchlerische Moral und die Freude am moralischen Sturz anderer. Das Zitat bietet eine scharfe Linse, um scheinbar zivilisierte Verhaltensweisen zu hinterfragen. Es schlägt die Brücke zur Gegenwart, indem es uns auffordert, über die Qualität unserer eigenen Zivilisation nachzudenken. Haben wir Mechanismen der Gemeinheit institutionalisiert, vielleicht sogar belohnt? Die Diskussion um Hass im Netz, "Cancel Culture" oder die Brutalität in scheinbar sachlichen politischen Auseinandersetzungen zeigt, dass die Unterscheidung zwischen roher Gewalt und raffinierter Bosheit nach wie vor ein zentrales Thema ist. Der Satz wird heute oft zustimmend zitiert, um eine tiefe Enttäuschung an bestimmten menschlichen Verhaltensmustern auszudrücken oder um einen Kontrapunkt zu einem naiven Fortschrittsglauben zu setzen.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat ist kraftvoll und pointiert, daher erfordert sein Einsatz Fingerspitzengefühl. Es eignet sich nicht für lockere Smalltalk-Situationen, da es eine grundsätzliche und pessimistische Weltsicht transportiert.
Geeignet ist es in folgenden Kontexten:
- Philosophische oder kulturkritische Vorträge: Als Einstieg oder pointierte Zusammenfassung einer Kritik an gesellschaftlichen Umgangsformen.
- Literarische oder essayistische Texte: Um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu untermauern.
- Ansprachen bei ernsten Themen: Etwa in einer Rede über Zivilcourage, Ethik oder den Verfall des gesellschaftlichen Diskurses. Hier kann es als verstörender und zum Nachdenken anregender Impuls dienen.
Vorsicht ist geboten, wo der Satz zu hart oder pauschal wirken könnte. In einer Trauerrede wäre er meist unpassend, es sei denn, er charakterisiert den Verstorbenen auf sehr spezifische Weise als jemanden, der diese Haltung teilte. Im privaten Gespräch kann er als überspitzte, zynische Reaktion auf eine konkrete Erfahrung mit Hinterhältigkeit fallen. Er sollte nicht leichtfertig verwendet werden, da er eine grundlegende Distanz zur menschlichen Gemeinschaft ausdrückt.
Beispiele für gelungene Verwendung:
- "In der aktuellen Debatte erleben wir oft nicht den offenen Streit, sondern etwas viel Bösartigeres: die Gemeinheit im Gewand der Argumentation. Es erinnert mich an den alten Spruch: 'Ich ziehe die Gesellschaft der Tiere...' – denn deren Kampf ist wenigstens ehrlich."
- "Sein Misstrauen gegenüber den Menschen war legendär. Er hätte jenes Diktum unterschrieben, dass die Gemeinheit das Vorrecht des zivilisierten Menschen sei, und lebte entsprechend zurückgezogen."