Der Mensch wird ohne Grundsätze, aber mit der Fähigkeit …
Der Mensch wird ohne Grundsätze, aber mit der Fähigkeit geboren, sie alle in sich aufzunehmen.
Autor: Voltaire
Herkunft
Dieses prägnante Zitat stammt aus Voltaires bedeutendem philosophischen Werk "Philosophisches Wörterbuch" (Originaltitel: "Dictionnaire philosophique"), das erstmals 1764 anonym veröffentlicht wurde. Es findet sich im Artikel "Homme" (Mensch). Das Werk war eine subversive Enzyklopädie der Aufklärung, in der Voltaire seine Kritik an Dogmatismus, Aberglauben und institutioneller Unterdrückung in alphabetisch geordneten Essays verpackte. Der Anlass war weniger ein spezifisches Ereignis, sondern vielmehr der fortwährende Kampf der Aufklärer gegen die vorherrschende Lehre des Erbsündendogmas und deterministischer Menschenbilder. Voltaire formulierte hier eine grundlegende anthropologische These, die im Kontext der damaligen erbitterten Debatten über die menschliche Natur zu verstehen ist.
Biografischer Kontext
Voltaire, eigentlich François-Marie Arouet (1694-1778), war weniger ein einzelner Autor als vielmehr eine kulturelle Macht. Er ist die personifizierte europäische Aufklärung: ein unermüdlicher Kämpfer für Vernunft, Meinungsfreiheit und gegen religiösen Fanatismus. Was ihn für uns heute so faszinierend macht, ist seine Modernität. Er war ein Meister der öffentlichen Meinung, der geschickt Medien wie Theater, Pamphlete, Briefe und eben Enzyklopädien nutzte, um seine Ideen zu verbreiten – ein Influencer im Geiste der Vernunft. Seine Weltsicht ist von einem tiefen Humanismus und einem misstrauischen Pragmatismus geprägt. Er glaubte nicht an utopische Menschenverbesserung, sondern an die langsame Kraft der Bildung und der kritischen Prüfung von Autoritäten. Sein berühmter Wahlspruch "Écrasez l'infâme!" ("Zermalmt die Niedertracht!") richtete sich gegen jede Form des dogmatischen Zwangs. Seine bleibende Relevanz liegt in seiner kompromisslosen Verteidigung des Rechts auf freies Denken, eine Haltung, die in jeder Epoche der Zensur und Ideologie aktuell bleibt.
Bedeutungsanalyse
Mit diesem Satz formuliert Voltaire eine radikale Absage an die Vorstellung einer angeborenen, festgelegten menschlichen Natur, sei sie nun durch die Erbsünde verdorben oder durch edle Instinkte geprägt. Die Aussage "ohne Grundsätze geboren" bedeutet, dass kein Mensch mit moralischen oder ideologischen Wahrheiten im Herzen zur Welt kommt. Der zweite Teil, "mit der Fähigkeit, sie alle in sich aufzunehmen", betont die immense Formbarkeit und Lernfähigkeit des Menschen. Es ist ein Plädoyer für den Empirismus und gegen den Determinismus. Der Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt ("tabula rasa"), das erst durch Erfahrung, Erziehung und Umwelt geprägt wird. Ein mögliches Missverständnis wäre, in "sie alle aufzunehmen" eine Beliebigkeit zu sehen. Voltaire geht es nicht um Relativismus, sondern um die Betonung der menschlichen Kapazität für Vernunft und Moral, die jedoch aktiv entwickelt werden muss. Die entscheidende Botschaft lautet: Wir sind für das, was wir glauben und wie wir handeln, verantwortlich, denn wir haben die Wahl, welche Grundsätze wir annehmen.
Relevanz heute
Die Aktualität des Zitats ist frappierend. In modernen Debatten um Identitätspolitik, kulturelle Prägung und Neuroplastizität klingt Voltaires Gedanke neu an. Die Neurowissenschaft bestätigt heute die immense Formbarkeit des menschlichen Gehirns. In der Pädagogik ist die Idee, dass Bildung und Umwelt den Charakter formen, grundlegend. Gesellschaftspolitisch ist das Zitat ein starkes Argument gegen rassistische oder sexistische Vorurteile, die auf angeborenen Minderwertigkeiten beharren. Es unterstreicht die Bedeutung eines freiheitlichen Bildungswesens, das zur kritischen Urteilsbildung befähigt, anstatt bloß Doktrinen einzutrichtern. Im Zeitalter von Social-Media-Echokammern und ideologischer Polarisierung erinnert uns Voltaire daran, dass unsere Überzeugungen nicht in Stein gemeißelt sind, sondern dass wir die Fähigkeit besitzen, uns auch für andere, bessere Grundsätze zu öffnen.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat ist vielseitig einsetzbar, da es grundlegend über das Menschsein spricht.
- Bildung & Pädagogik: Ideal für Vorträge oder Artikel zur Bedeutung von Erziehung, lebenslangem Lernen und der Offenheit von Bildungsprozessen. Es argumentiert gegen festgefahrene Begabungskonzepte.
- Coaching & Personalentwicklung: Perfekt, um zu illustrieren, dass Veränderung und persönliches Wachstum in jedem Alter möglich sind. Man ist nicht durch Herkunft oder frühere Fehler determiniert.
- Politische oder gesellschaftliche Reden: Stärkt Appelle an Toleranz und gegen Vorurteile. Es kann genutzt werden, um für eine Gesellschaft zu werben, die ihren Mitgliedern die bestmöglichen Grundsätze (Freiheit, Solidarität, Respekt) zugänglich macht.
- Geburtstags- oder Taufkarten: Als philosophisch anmutender Glückwunsch, der dem Kind oder Erwachsenen die ganze Welt der Möglichkeiten wünscht, die in ihm/ihr schlummern.
- Trauerrede: Kann tröstend wirken, um das Leben des Verstorbenen als ein gelungenes Beispiel dafür zu würdigen, welche edlen Grundsätze und welcher Charakter aus der angeborenen Fähigkeit geformt werden konnten.
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