Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.
Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Aussage "Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten" wird häufig dem österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper zugeschrieben. Sie stellt eine populäre Zusammenfassung seines zentralen Arguments zum "Paradox der Toleranz" dar, das er 1945 in seinem wegweisenden Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" formulierte. Popper argumentierte nicht für eine grenzenlose Toleranz, da eine uneingeschränkt tolerante Gesellschaft letztlich von den Intoleranten überrannt und zerstört werden würde. Der historische Kontext ist entscheidend: Popper schrieb dieses Werk im Exil, als direkte Antwort auf die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, die die Freiheiten demokratischer Gesellschaften nutzten, um an die Macht zu kommen und diese Freiheiten anschließend abzuschaffen. Die präzise Formulierung, wie sie oben zitiert wird, ist eine vereinfachte und eingängige Wiedergabe seines Gedankens, die sich im öffentlichen Diskurs verselbstständigt hat.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen fordert der Satz einen Widerspruch: Man solle intolerant sein. Die übertragene und eigentliche Bedeutung ist jedoch vielschichtiger und strategischer. Es handelt sich um eine ethische und politische Grundsatzüberlegung zur Selbstverteidigung einer freien Gesellschaft. Die Redewendung warnt davor, das Prinzip der Toleranz so absolut zu setzen, dass es jenen eine Plattform bietet, die genau dieses Prinzip abschaffen wollen. Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, sie rechtfertige jede Form von Unduldsamkeit. Das ist nicht der Fall. Die Intoleranz, von der gesprochen wird, ist gezielt: Sie richtet sich gegen jene, die fundamentale demokratische Prinzipien wie die Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit oder die Meinungsfreiheit selbst ablehnen und aktiv bekämpfen. Es geht nicht um die Unterdrückung unliebsamer Meinungen, sondern um den Schutz des Rahmens, der überhaupt eine Diskussion zwischen unterschiedlichen Meinungen ermöglicht. Kurz interpretiert: Freiheit braucht Grenzen, um sich vor ihren Feinden zu schützen.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser Redewendung ist kaum zu überschätzen. In einer Zeit, in der demokratische Systeme weltweit unter Druck geraten, dient sie als wichtiger gedanklicher Kompass für Debatten über die Grenzen des Sagbaren, den Umgang mit extremistischen Gruppierungen und die Verteidigung liberaler Werte. Sie wird heute in politischen Kommentaren, in Diskussionen über Social-Media-Regulierung (Stichwort: Deplatforming) und in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit Bewegungen zitiert, die die freiheitliche Grundordnung in Frage stellen. Die Redewendung schlägt eine direkte Brücke von Poppers Analyse des Faschismus und Totalitarismus zu aktuellen Herausforderungen durch politischen Extremismus, Hassrede und gezielte Desinformationskampagnen, die die Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen wollen. Sie erinnert daran, dass wehrhafte Demokratie kein Widerspruch ist, sondern eine Notwendigkeit.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausdruck eignet sich hervorragend für anspruchsvolle Diskussionen und schriftliche Beiträge, in denen es um Grundsatzfragen geht. In einer Rede oder einem Vortrag zum Thema Demokratie, Zivilcourage oder gesellschaftlicher Zusammenhalt kann er als pointierte These eingeführt und dann erläutert werden. Für eine Trauerrede ist er in der Regel zu politisch und abstrakt, es sei denn, es wird um eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens getrauert, die sich genau für diese wehrhafte Demokratie eingesetzt hat. Im lockeren Gespräch kann er als flapsig oder überheblich wirken, wenn er ohne die nötige Erklärung als Totschlagargument verwendet wird. Seine Stärke entfaltet er in reflektierten Kontexten.
Gelungene Anwendungsbeispiele sind Sätze wie: "Bei unserer Diskussion über die Grenzen der Meinungsfreiheit sollten wir Poppers Einsicht bedenken, dass Toleranz nicht gegenüber den Intoleranten gelten darf, wenn wir unsere offene Gesellschaft bewahren wollen." Oder, etwas zugespitzter: "Die Plattform muss sich entscheiden: Wendet sie das Paradox der Toleranz an und schützt ihre Community vor Hass, oder wird sie zum Werkzeug der Intoleranz?"