Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen, welche wir …
Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen, welche wir nicht kriegen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen, welche wir nicht kriegen" wird häufig dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer zugeschrieben. Ein eindeutiger, direkter Beleg in seinen Hauptwerken ist jedoch schwer zu finden. Die Formulierung taucht typischerweise in Zitatensammlungen und Aphorismen-Bänden auf, die Schopenhauer zugerechnet werden. Der Gedanke selbst ist absolut schopenhauerisch und spiegelt den Kern seiner pessimistischen Weltanschauung wider, die das menschliche Begehren als Quelle des Leidens betrachtet. Es handelt sich daher wahrscheinlich um eine pointierte Zusammenfassung seiner Philosophie, die im populären Diskurs als geflügeltes Wort weitergetragen wurde. Eine sichere Erstnennung in einem bestimmten Werk kann nicht mit absoluter Gewissheit angegeben werden, weshalb dieser Punkt hier weggelassen wird.
Bedeutungsanalyse
Der Satz ist eine meisterhafte und ironische Umdeutung des Begriffs "Enthaltsamkeit". Wörtlich verstanden beschreibt Enthaltsamkeit den Verzicht auf etwas, meist aus Vernunft oder Prinzip. Schopenhauer dreht diese Bedeutung jedoch um: Für ihn wird der Verzicht selbst zur Genussquelle. Das "Vergnügen" besteht nicht im Besitz oder Konsum der begehrten Sache, sondern paradoxerweise in der bewussten Entscheidung, sie nicht zu erlangen. Es ist das intellektuelle und willentliche Überwinden eines Triebes, das ein Gefühl der Überlegenheit und inneren Freiheit vermittelt.
Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es handele sich um eine billige Ausrede für das Nicht-Bekommen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Redewendung preist nicht die Frustration, sondern die aktive, souveräne Wahl. Es geht um die Erkenntnis, dass das Begehren oft quälender ist als der Verzicht und dass die Befreiung von diesem Begehren der eigentliche Gewinn ist. Kurz interpretiert: Wahre Freiheit und Genuss liegen nicht in der Erfüllung jedes Wunsches, sondern in der Kunst, nicht jeden Wunsch erfüllen zu müssen.
Relevanz heute
In unserer konsumorientierten und auf sofortige Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Gesellschaft ist diese Redewendung von frappierender Aktualität. Sie bietet ein geistiges Gegenmodell zur allgegenwärtigen "Kauf-dir-das-Jetzt"-Mentalität. Die Idee findet sich heute in modernen Bewegungen wie "Minimalismus", "Digital Detox" oder bewusstem Konsumverhalten wieder. Wenn Menschen bewusst auf das neueste Smartphone verzichten, um nicht im Hamsterrad der Begierde zu laufen, oder "Nein" zu einer Einladung sagen, um Zeit für sich zu gewinnen, praktizieren sie im Grunde Schopenhauers Einsicht. Die Redewendung ist weniger im alltäglichen Sprachgebrauch verankert, dafür umso mehr als philosophisches Konzept in Diskussionen über Nachhaltigkeit, persönliche Zufriedenheit und psychologische Unabhängigkeit präsent.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausspruch eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um Reflexion, Besinnung oder die Infragestellung von materiellen Werten geht. Er ist weniger ein flapsiger Spruch für die Alltagskonversation, sondern vielmehr ein pointierter Gedankenanstoß.
- Geeignete Kontexte: Philosophische oder psychologische Vorträge, Kolumnen zu Zeitphänomenen, Gespräche über Lebensstil, in einer Trauerrede, um die Bescheidenheit oder ideelle Werte eines Verstorbenen zu würdigen, oder in einem Essay über Konsumkritik.
- Weniger geeignet: In sachlichen Verhandlungen ("Auf eine Gehaltserhöhung verzichte ich – Enthaltsamkeit ist ja das Vergnügen...") wäre er zynisch und unpassend. Ebenso als Trost für jemanden, der etwas wirklich verloren hat, könnte er als herzlos und verharmlosend aufgefasst werden.
Gelungene Anwendungsbeispiele wären:
- "Statt dem Black Friday-Wahnsinn zu verfallen, habe ich mir dieses Jahr die Freiheit geschenkt, nichts zu kaufen. Manchmal ist Enthaltsamkeit wirklich das Vergnügen an Sachen, die wir nicht kriegen."
- "In seiner bescheidenen Art lebte er vor, dass Zufriedenheit nicht aus Besitz entsteht. Er hätte Schopenhauers Diktum unterschrieben, dass Enthaltsamkeit das Vergnügen an den Dingen ist, die man nicht bekommt."