Denn von den Extremen ist das eine mehr, das andere weniger …
Denn von den Extremen ist das eine mehr, das andere weniger fehlerhaft.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser prägnante Satz stammt aus der Nikomachischen Ethik des griechischen Philosophen Aristoteles. Er taucht im zweiten Buch auf, in dem Aristoteles die Tugend als eine Mitte zwischen zwei Extremen, den Lastern des Zuviel und des Zuwenig, definiert. Der genaue Wortlaut im Original lautet: "τῶν γὰρ ἄκρων τὸ μὲν ἐστὶ πλέον τὸ δ’ ἔλαττον ἁμαρτάνειν". Die Redewendung ist somit über 2300 Jahre alt und entstammt dem zentralen Gedankengebäude der aristotelischen Ethik, der Mesotes-Lehre, also der Lehre von der goldenen Mitte.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich bedeutet der Satz: "Von den Extremen ist das eine mehr, das andere weniger fehlerhaft." Aristoteles argumentiert hier nicht etwa, dass ein Extrem gut sei. Beide Extreme sind seiner Definition nach Laster und damit fehlerhaft. Seine subtile Beobachtung ist, dass wir Menschen die beiden Extreme nicht immer als gleich schlimm empfinden. In der konkreten Abwägung kann das eine Extrem dem angestrebten tugendhaften Mittel näher sein als das andere und damit "weniger fehlerhaft" erscheinen.
Ein typisches Missverständnis liegt darin, den Satz als Freibrief für ein Extrem zu lesen. Das ist falsch. Die Aussage ist eine realpsychologische Beobachtung innerhalb des ethischen Rahmens, der klar die Mitte als Ziel setzt. Sie erklärt, warum wir manchmal eher zur Verschwendungssucht als zum Geiz neigen – beide sind falsch, aber die Verschwendung erscheint uns vielleicht großzügiger und ist damit "weniger fehlerhaft" als der knauserige Geiz. Es ist eine differenzierende Betrachtung, keine Relativierung des Prinzips.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute weniger ein geflügeltes Wort im Alltag, sondern nach wie vor hochrelevant in philosophischen, ethischen und politischen Diskursen. Sie bietet ein Werkzeug für differenzierte Urteile in komplexen Situationen, in denen keine perfekte Lösung, sondern nur die Abwägung zwischen schlechteren Optionen besteht.
Man findet das Prinzip in modernen Debatten wieder: In der Politik, wenn zwischen zwei unpopulären Maßnahmen entschieden werden muss. In der persönlichen Lebensführung, zum Beispiel bei der Frage nach Work-Life-Balance, wo beide Extreme – Workaholic-Tum und völlige Untätigkeit – schädlich sind, aber das eine für den Einzelnen vielleicht erträglicher erscheint. Die Redewendung schärft den Blick für die Nuancen jenseits einfacher Schwarz-Weiß-Malerei und ist damit ein zeitloses Korrektiv für dogmatisches Denken.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser aristotelische Gedanke eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche, sondern für Kontexte, die eine reflektierte, abwägende Sprache erfordern. Er ist ideal für anspruchsvolle Vorträge, Essays, Leitartikel oder ethische Diskussionen, in denen man die Komplexität einer Entscheidungssituation hervorheben möchte.
In einer Trauerrede wäre er wahrscheinlich zu abstrakt und analytisch. In einem lockeren Vortrag könnte er als geistreiches Zitat eingebracht werden, muss dann aber gut erklärt werden. Seine Stärke liegt in der argumentativen Präzision.
Gelungene Anwendungsbeispiele wären:
- In einem politischen Kommentar: "Bei der Reform des Sozialsystems sind beide vorgeschlagenen Extreme riskant. Doch im Sinne des Aristoteles, der sagte, dass von den Extremen das eine mehr, das andere weniger fehlerhaft sei, scheint der Plan der Kommission die sozialen Härten etwas besser abzufedern."
- In einer Unternehmensberatung: "Die Strategieoptionen liegen zwischen übertriebener Risikoaversion und leichtsinnigem Expansionseifer. Auch wenn keine ideal ist, müssen wir entscheiden, welches Extrem in der aktuellen Marktphase weniger fehlerhaft ist."
- In einem philosophischen Essay: "Aristoteles' Einsicht, dass nicht alle Laster gleich weit von der Tugend entfernt sind, erlaubt uns eine realistischere Ethik. Sie erklärt, warum wir manchmal notgedrungen das 'weniger fehlerhafte' Übel wählen müssen."