Wir sollten das Leben verlassen wie ein Bankett: weder …
Wir sollten das Leben verlassen wie ein Bankett: weder durstig noch betrunken.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser weise Ausspruch wird dem griechischen Philosophen Aristoteles zugeschrieben. Er findet sich in seiner Nikomachischen Ethik, einem der grundlegenden Werke der abendländischen Philosophie, das um 350 v. Chr. entstand. Der genaue Wortlaut bei Aristoteles lautet sinngemäß, dass der Weise weder das Leben übermäßig flieht noch daran hängt und dass er sich gegenüber dem Tod weder gleichgültig zeigt noch ihn fürchtet. Die bildhafte Formulierung mit dem Bankett, also dem festlichen Gelage, ist eine spätere, populäre Zuspitzung dieser aristotelischen Haltung der Mäßigung. Sie fasst seine Lehre der "Mesotes", der goldenen Mitte zwischen zwei Extremen, in ein einprägsames Alltagsbild.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung fordert eine bewusste und ausgewogene Lebensführung. Wörtlich genommen beschreibt sie das ideale Ende eines üppigen Festmahls: Man sollte satt und zufrieden, aber nicht mit quälendem Durst aufbrechen, der für verpasste Genüsse steht. Ebenso sollte man nicht betrunken und damit der eigenen Kontrolle beraubt das Fest verlassen, was für maßlosen Überdruss und Reue steht.
Übertragen auf das gesamte Leben ist es ein Aufruf zur Mäßigung. "Nicht durstig" bedeutet, die Möglichkeiten und Freuden des Daseins ergriffen und genossen zu haben, ohne etwas Wesentliches zu versäumen. "Nicht betrunken" warnt vor Maßlosigkeit, Gier und der Sucht nach immer mehr, die einen am Ende erschöpft, abhängig oder desillusioniert zurücklässt. Ein häufiges Missverständnis ist die Deutung als Aufforderung zu völliger Leidenschaftslosigkeit. Das Gegenteil ist der Fall: Das Bankett soll ja besucht und genossen werden, aber mit Vernunft und Selbstachtung. Es geht um bewusste Teilhabe, nicht um Enthaltsamkeit.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute so relevant wie vor über zweitausend Jahren, vielleicht sogar relevanter. In einer Gesellschaft, die zwischen "YOLO"-Mentalität (You Only Live Once) und Burnout durch ständige Optimierung pendelt, bietet dieses Bild einen zeitlosen Kompass. Es widerspricht der konsumorientierten Aufforderung, immer das Maximum herauszuholen, ebenso wie einer ängstlichen Lebensvermeidung.
Die Redewendung findet sich oft in philosophischen oder lebenshilflichen Kontexten, in Ratgebern zur Work-Life-Balance und zunehmend auch in Diskussionen über einen bewussten Umgang mit endlichen Ressourcen – sei es die eigene Zeit, die Gesundheit oder die Umwelt. Sie ist ein prägnantes Gegenmodell zur heutigen "Alles-oder-nichts"-Mentalität.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Spruch eignet sich hervorragend für reflektierende und würdige Anlässe, bei denen es um Lebensbilanz oder Lebenskunst geht. Er ist zu distanziert und philosophisch für lockere Smalltalk-Situationen, passt aber perfekt in eine persönliche Trauerrede, einen Vortrag über Resilienz oder ein ernsthaftes Gespräch über Lebensziele.
In einer Trauerrede kann er das gelebte Leben eines Menschen würdigen: "Er verstand es, das Leben als ein reiches Bankett zu genießen – stets neugierig und dankbar, aber nie gierig oder maßlos. So können wir ihn in Erinnerung behalten: weder durstig noch betrunken." In einem Coaching-Kontext könnte man sagen: "Achten Sie darauf, dass Sie in Ihrem Ehrgeiz nicht 'betrunken' von Erfolg werden und das eigentliche Genießen vergessen. Die Kunst ist, satt und zufrieden vom Tisch aufzustehen."
Vermeiden sollten Sie die Redewendung in sehr formalen oder technischen Kontexten, wo sie deplatziert wirken könnte, sowie in Situationen, die Leichtigkeit und Humor erfordern. Ihre Stärke liegt in der Tiefe, nicht in der Flapsigkeit.