Aber auch die Tugend wie das Laster steht bei uns. Denn wo …
Aber auch die Tugend wie das Laster steht bei uns. Denn wo das Tun in unserer Gewalt ist, da ist auch das Unterlassen, und wo das Nein, da auch das Ja.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Aussage stammt aus dem Werk "Vom freien Willen" (lateinisch: "De libero arbitrio") des Kirchenvaters Aurelius Augustinus. Das Werk entstand zwischen 388 und 395 nach Christus. Es handelt sich um einen frühen philosophisch-theologischen Dialog, in dem Augustinus die Existenz des freien Willens gegen die Argumente des Manichäismus verteidigt. Der genannte Satz erscheint im ersten Buch des Dialogs und dient als zentrale Prämisse für die folgende Argumentation. Augustinus möchte zeigen, dass der Mensch für seine Entscheidungen verantwortlich ist, weil ihm die Wahl zwischen gegensätzlichen Handlungsoptionen tatsächlich möglich ist.
Biografischer Kontext
Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) ist eine der einflussreichsten Denkergestalten des Abendlandes. Seine Relevanz liegt weniger in einer statischen Biografie, sondern in der radikalen Intensität, mit der er fundamentale menschliche Fragen durchlitt und durchdachte. Bevor er zum Bischof von Hippo und zum Kirchenlehrer wurde, durchlebte er eine intensive Suche nach Wahrheit, beschrieb seine jugendlichen Verfehlungen mit schonungsloser Offenheit in seinen "Bekenntnissen" und wandte sich schließlich dem christlichen Glauben zu. Was Augustinus für den modernen Leser faszinierend macht, ist sein psychologischer Scharfsinn. Er erkannte die Zerrissenheit des menschlichen Willens lange vor der modernen Psychologie. Seine Einsicht, dass wir oft genau das tun, was wir eigentlich nicht wollen, beschreibt eine universelle Erfahrung. Seine Gedanken zur Zeit, zum Gedächtnis und zur Natur des Bösen prägen das westliche Denken bis in die Philosophie und Literatur der Gegenwart hinein. Seine Weltsicht ist geprägt von der Suche nach Ruhe in Gott und der Überzeugung, dass wahre Freiheit in der Bindung an das Gute liegt.
Bedeutungsanalyse
Der Satz ist eine prägnante Formulierung für die menschliche Wahlfreiheit und Verantwortung. Wörtlich argumentiert Augustinus logisch: Wenn eine Handlung ("das Tun") in unserer Macht steht, dann steht es uns ebenso frei, sie zu unterlassen. Wenn wir "Nein" sagen können, impliziert diese Fähigkeit notwendigerweise auch die Möglichkeit, "Ja" zu sagen. Die Aussage betont die symmetrische Verfügbarkeit von Gegensätzen. Ein typisches Missverständnis wäre, den Satz als Beschreibung einer alltäglichen Leichtigkeit des Entscheidens zu lesen. Augustinus thematisiert jedoch die grundsätzliche Möglichkeit, nicht die einfache Ausführbarkeit. Die eigentliche Bedeutung liegt in der ethischen Konsequenz: Weil wir uns zwischen Tugend und Laster, zwischen Tun und Unterlassen entscheiden können, tragen wir auch die Verantwortung für diese Wahl. Es ist eine philosophische Begründung der moralischen Zurechenbarkeit.
Relevanz heute
Die grundlegende Idee ist heute unvermindert relevant, auch wenn der originale lateinische Wortlaut selten zitiert wird. Sie taucht in Diskussionen über Willensfreiheit, Verantwortung und Ethik auf. In einer Zeit, die menschliches Verhalten zunehmend durch Neurobiologie, Psychologie oder soziale Determinanten zu erklären versucht, stellt der augustinische Gedanke eine klare Gegenposition dar: Die Fähigkeit zur gegenteiligen Entscheidung ist die Basis von Schuld und Lob. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich in Fragen der künstlichen Intelligenz oder des Rechts. Kann eine Maschine, der die genuine Option zum "Unterlassen" fehlt, moralisch handeln? Die Redewendung erinnert daran, dass ethische Bewertung dort beginnt, wo eine echte Alternative besteht. In persönlicher Hinsicht ist sie ein mächtiges Instrument der Selbstreflexion, wenn man über verpasste Chancen oder getroffene Entscheidungen nachdenkt.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausdruck eignet sich weniger für saloppe Alltagsgespräche, sondern für formellere Anlässe, bei denen es um Grundsatzfragen geht. Er passt hervorragend in Vorträge, Essays oder Reden zu Themen wie Eigenverantwortung, Führungsethik oder persönlicher Entwicklung. In einer Trauerrede könnte er verwendet werden, um das Lebenswerk eines Menschen zu würdigen, der stets bewusste Wahlentscheidungen traf. In einem lockeren Vortrag wäre eine eingedeutschte Paraphrase wie "Wo ein Ja ist, ist auch ein Nein" möglicherweise zugänglicher. Direkt zitiert wirkt der Satz gelehrt und setzt ein gewisses Publikumsinteresse an philosophischer Tiefe voraus. Gelungene Anwendungsbeispiele wären:
- In einem Leitartikel über politische Verantwortung: "Der Minister betonte, dass jede politische Entscheidung auch die Möglichkeit des Andershandelns in sich trage. Nach dem augustinischen Prinzip, dass, wo das Tun in unserer Gewalt ist, auch das Unterlassen sei, müsse man sich für jede getroffene Maßnahme verantworten."
- In einem Coaching-Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung: "Sie fühlen sich in Ihrer Situation gefangen? Erinnern Sie sich daran, dass die Möglichkeit zur Wahl immer besteht. Augustinus brachte es auf den Punkt: Wo das Nein ist, da ist auch das Ja. Erkennen Sie Ihre eigene Entscheidungsmacht wieder."
Für alltägliche, pragmatische Entscheidungen ist die Formulierung zu gewichtig und abstrakt. Sie findet ihre beste Verwendung in Kontexten, die eine grundsätzliche Reflexion über Freiheit und Verantwortung erlauben.