Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.
Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser Satz ist kein Produkt der Alltagssprache, sondern der erste Satz des Hauptwerks "Metaphysik" des griechischen Philosophen Aristoteles. Er lautet im altgriechischen Original: "Πάντες ἄνθρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει." (Pántes ánthrōpoi toū eidénai orégontai phýsei). Die Schrift entstand um 350 v. Chr. und stellt den programmatischen Auftakt von Aristoteles' Untersuchung der ersten Prinzipien und Ursachen allen Seins dar. Der Kontext ist streng philosophisch: Bevor Aristoteles seine komplexe Lehre entwickelt, stellt er diese grundlegende menschliche Eigenschaft als unhintergehbaren Ausgangspunkt allen Forschens und Fragens dar.
Biografischer Kontext
Aristoteles (384–322 v. Chr.) ist weit mehr als nur ein alter Philosoph. Sie können ihn sich als den ersten systematischen Denker der westlichen Welt vorstellen, dessen Fragen und Methoden bis in unsere Labore und Hörsäle nachhallen. Als Schüler Platons, später als Lehrer Alexanders des Großen, verband er theoretische Tiefe mit einem fast enzyklopädischen Drang, die Wirklichkeit in all ihren Facetten zu katalogisieren – von Staatstheorie über Biologie bis zur Dichtkunst.
Was ihn für Sie heute so relevant macht, ist sein empirischer Ansatz. Während Platon in idealen Formen jenseits der Welt dachte, vertraute Aristoteles auf sorgfältige Beobachtung der natürlichen Welt. Seine Überzeugung, dass sich Erkenntnis aus der Erfahrung mit den Einzeldingen speist, ist der Urknall der wissenschaftlichen Methode. Seine Gedanken zur Logik, Ethik ("Die Tugend als Mitte") und Politik prägen unser Denken oft unbewusst. Seine Weltsicht ist eine des geordneten Kosmos, in dem jedes Ding eine Bestimmung (Telos) hat und der menschliche Geist von Natur aus danach strebt, diese Ordnung zu verstehen.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich bedeutet der Satz: "Alle Menschen verlangen von Natur aus danach, zu sehen bzw. zu erkennen." Das griechische "eidénai" meint ein wissendes Sehen, eine erkennende Einsicht. Übertragen und in der heutigen Lesart besagt die Aussage, dass der Wissensdrang ein wesentliches, angeborenes Merkmal der menschlichen Existenz ist. Es ist keine optionale Neugier, sondern ein konstituierender Zug unseres Wesens.
Ein häufiges Missverständnis ist die Gleichsetzung mit simplen Neugier. Aristoteles meint jedoch ein tiefes, auf Verstehen und Erkenntnis der Ursachen gerichtetes Streben. Ein anderes Missverständnis wäre der Glaube, dies gelte für jedes Individuum in jedem Moment. Gemeint ist die menschliche Spezies als Ganzes – die Kultur, Wissenschaft und Technik hervorbringt, auch wenn Einzelne diesem Drang nicht nachkommen. Kurz interpretiert: Menschsein heißt, nach den Gründen der Dinge zu fragen.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute ungebrochen relevant, ja sie ist zum Fundamentaldogma der modernen Wissensgesellschaft geworden. Sie hallt in Bildungsidealen, in der Förderung von Forschung und Entwicklung sowie in der allgegenwärtigen "Wissensdatenbank" Internet wider. Jede Suchanfrage bei Google ist eine praktische Bestätigung des aristotelischen Antriebs.
In aktuellen Debatten gewinnt der Satz neue Schärfe: Er steht im Spannungsfeld zum Recht auf Nichtwissen, zur Informationsflut ("Digitaler Burnout") und zur Frage, ob Algorithmen unser Streben nach Wissen verkümmern lassen oder befriedigen. Die Brücke zur Gegenwart ist also direkt geschlagen: Wir leben in einer Epoche, die diesen natürlichen Trieb wie nie zuvor technisch amplifiziert und gleichzeitig vor enorme Herausforderungen der Einordnung und Bewertung von Wissen stellt.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche. Sein natürliches Habitat sind formelle Anlässe, bei denen es um Grundsätzliches geht. Es ist perfekt für Vorträge, Reden oder schriftliche Arbeiten, die einen philosophischen oder bildungspolitischen Einstieg suchen.
Passend ist es in einer Eröffnungsrede einer wissenschaftlichen Konferenz, in einem Leitartikel zur Bedeutung von Bildung oder in einer Festansprache an einer Universität. Es wäre zu schwer und pathetisch, um es im Gespräch über ein neues Hobby zu verwenden. In einer Trauerrede könnte es angemessen sein, wenn es um das Lebenswerk eines Forschers oder einer besonders wissbegierigen Person geht.
Gelungene Anwendungsbeispiele wären:
- "Aristoteles sagte, alle Menschen strebten von Natur aus nach Wissen. Diesem Antrieb verdanken wir alle Fortschritte der Medizin, die uns heute hier versammeln lässt."
- "Unternehmen, die die angeborene Lernbegierde ihrer Mitarbeiter fördern, statt sie zu ersticken, werden langfristig erfolgreich sein."
- "In einer Zeit der Desinformation sollten wir uns auf diesen ursprünglichen menschlichen Impuls besinnen: das echte Verstehenwollen, nicht nur das Rechtbehaltenwollen."