Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken …
Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen" wird dem österreichischen Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus (1874–1936) zugeschrieben. Sie taucht in seinem monumentalen Werk "Die Fackel", der von ihm herausgegebenen Zeitschrift, auf. Der exakte Kontext der Erstnennung lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit auf eine einzelne Ausgabe eingrenzen, da Kraus seine spitze Feder häufig gegen den journalistischen Betrieb und insbesondere gegen das Feuilleton als literarisch oft anspruchslose, künstlich aufgebauschte Zeitungsrubrik richtete. Die prägnante Formulierung entstammt definitiv seinem Geist und seiner kritischen Haltung gegenüber der Presse seiner Zeit.
Bedeutungsanalyse
Die Bedeutung dieser bildhaften Aussage ist ebenso präzise wie vernichtend. Wörtlich beschreibt sie die absurde und unmögliche Tätigkeit, auf einer kahlen, haarlosen Kopfhaut künstliche Locken drehen zu wollen. Übertragen bedeutet dies: Das Verfassen eines Feuilletons ist eine sinnlose, vergebliche und letztlich betrügerische Beschäftigung. Es geht darum, aus dem Nichts, aus einer substanzlosen Grundlage ("Glatze"), etwas scheinbar Schönes, Verziertes und Geistreiches ("Locken") zu fabrizieren. Die Kritik zielt auf die Oberflächlichkeit und die erzwungene Eleganz vieler Feuilletonbeiträge ab, die oft mehr Schein als Sein produzieren. Ein typisches Missverständnis wäre, die Redewendung nur auf schlechtes Hairstyling zu beziehen. Im Kern ist sie eine fundamentale Kritik an journalistischer und literarischer Halbwertigkeit, die Mangel an wahrem Inhalt mit stilistischem Getue überspielt.
Relevanz heute
Die Relevanz der Redewendung ist heute ungebrochen, auch wenn der Begriff "Feuilleton" selbst seltener verwendet wird. Die zugrundeliegende Kritik trifft ins Herz einer von Content und oberflächlicher Meinungsmache geprägten Medienlandschaft. Sie lässt sich mühelos auf Blogbeiträge ohne Tiefgang, aufgesetzte Social-Media-Inhalte, seichte Kulturkommentare oder "Think-Pieces" mit geringer Denkleistung übertragen. Immer dann, wenn sprachlicher oder intellektueller Schnickschnack fehlende Substanz ersetzen soll, ist das Bild vom Lockendrehen auf der Glatze treffend. Die Redewendung lebt somit weiter, weniger als alltäglicher Spruch, sondern als scharfes analytisches Werkzeug für Medienkritik.
Praktische Verwendbarkeit
Die Verwendung dieser Redewendung ist aufgrund ihrer Schärfe und ihres spezifischen Ursprungs eher anspruchsvoll. Sie eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche, da sie als elitär oder arrogant missverstanden werden könnte.
Ihr idealer Einsatzort sind kritische Diskussionen über Medien, Journalismus oder Literatur. In einem Vortrag über Qualitätsverlust in den Medien, in einer Kolumne oder in einem anspruchsvollen Essay kann sie als pointierte Zusammenfassung einer komplexen Kritik dienen. Für eine Trauerrede ist sie ungeeignet, es sei denn, Sie würdigen einen scharfzüngigen Medienkritiker.
Gelungene Beispiele für ihren Einsatz wären:
- "Der ganze Artikel war nichts weiter als ein langes Feuilleton – im Grunde also das alte Spiel: Auf einer Glatze Locken drehen."
- "Bevor ich einen weiteren Text verfasse, der am Ende nur künstliche Locken auf der Glatze der Tatsachen dreht, recherchiere ich lieber gründlicher."
- "Die heutige Debattenkultur leidet oft unter diesem Kraus'schen Syndrom: Es wird intensiv gedreht, aber die fundamentale Glatze des Arguments bleibt sichtbar."
Nutzen Sie die Formulierung also bewusst, wenn Sie eine tiefgreifende inhaltliche Kritik an der Oberflächlichkeit von Texten oder Debatten auf den Punkt bringen möchten. In informellen Kontexten sollten Sie auf verständlichere Bilder wie "heiße Luft" oder "viel Geschrei um nichts" zurückgreifen.