Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken …

Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen.

Autor: Karl Kraus

Herkunft

Dieses prägnante Bild stammt aus dem Hauptwerk von Karl Kraus, der monumentalen Satirezeitschrift "Die Fackel". Es erschien dort im Jahr 1911. Der unmittelbare Kontext war die scharfe Kritik von Kraus an der zeitgenössischen Feuilletonistik, also dem Kultur- und Literaturteil der Tageszeitungen. Für Kraus war dieser Bereich zu einem Ort der oberflächlichen Geschwätzigkeit, der eitlen Selbstdarstellung und des inhaltsleeren Schönredens verkommen. Das Zitat entstand nicht in einem privaten Brief, sondern als öffentliche Kampfansage an das gesamte journalistische Establishment seiner Zeit.

Biografischer Kontext

Karl Kraus war weit mehr als ein Schriftsteller. Er war ein radikaler Sprach- und Gesellschaftskritiker, der im Wien der Jahrhundertwende zum unbestechlichen Gewissen einer Epoche wurde. Seine lebenslange Mission war die Verteidigung der Sprache gegen ihren Missbrauch durch Presse, Politik und Phrasendrescherei. In seiner eigenen Zeitschrift "Die Fackel", die er über 37 Jahre lang nahezu im Alleingang füllte, sezierte er mit messerscharfer Logik und beißendem Witz die Heuchelei und Denkfaulheit seiner Zeit. Seine Weltsicht ist heute so relevant wie damals, weil sie den Kern aller öffentlichen Kommunikation berührt: den Zusammenhang zwischen klarer Sprache und ehrlichem Denken. Wer heute über "Fake News", leere politische Versprechen oder inhaltsloses Marketing-Gerede spricht, setzt im Grunde die Arbeit von Karl Kraus fort.

Bedeutungsanalyse

Die Metapher ist genial in ihrer Anschaulichkeit. Auf einer Glatze gibt es keine Haare – sie steht für einen Mangel an Substanz, für geistige Leere oder einen nicht vorhandenen Sachverhalt. Locken drehen hingegen ist eine mühevolle, kunsthandwerkliche Tätigkeit, die etwas Dekoratives, aber völlig Unnötiges und Künstliches erschafft. Kraus beschreibt damit pointiert das Wesen eines schlechten Feuilletons: Es nimmt ein nichtiges Thema (die Glatze) und bearbeitet es mit großem stilistischem Aufwand und scheinbarer Eleganz, um am Ende doch nur leere Worthülsen und falschen Schein (die Locken) zu produzieren. Es geht um die Aufblähung des Unbedeutenden, um die Vortäuschung von Tiefe, wo keine ist. Ein bekanntes Missverständnis wäre, das Zitat nur als Kritik an langer oder blumiger Prosa zu lesen. Es geht Kraus nicht um Stil an sich, sondern um die moralische und intellektuelle Verantwortung des Schreibenden gegenüber der Wahrheit und der Sprache.

Relevanz heute

Das Zitat hat nichts von seiner Schärfe verloren. Es trifft ins Herz unserer modernen Content- und Aufmerksamkeitsökonomie. Überall, wo um jeden Preis etwas "gesagt" werden muss, obwohl es eigentlich nichts zu sagen gibt, dreht man sprachliche Locken auf glatten Köpfen. Man erkennt die Praxis in clickbait-Artikeln, in pseudotiefsinnigen Social-Media-Posts, in Marketing-Floskeln, die leere Versprechungen verschleiern, und in manchen politischen Reden, die Substanz durch Rhetorik ersetzen. In Medien- und Kommunikationswissenschaften wird das Zitat oft zitiert, um die Gefahr der Entleerung von Inhalten zugunsten von reinem Unterhaltungs- oder Selbstdarstellungswert zu beschreiben. Es ist eine zeitlose Warnung vor der Selbstgefälligkeit des Schreibens.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat ist ein wirkungsvolles Stilmittel für alle, die substanzlose Kommunikation kritisieren möchten, ohne plump zu werden.

  • In Präsentationen oder Vorträgen zur Medienkritik, Qualitätsjournalismus oder Unternehmenskommunikation eignet es sich perfekt als einprägsame Eröffnung oder pointierte Zusammenfassung eines Problems.
  • Für Redner oder Kolumnisten bietet es eine elegante, literarisch fundierte Möglichkeit, oberflächliche Debatten oder leere Fachjargon-Flut in Politik, Wirtschaft oder Kultur zu geißeln.
  • In einem privateren Kontext kann man es humorvoll-selbstironisch verwenden, etwa wenn Sie eine besonders blumige und umständliche Geburtstagskarte oder eine Rede verfassen, der das eigentliche Herzstück fehlt. Es warnt den Schreibenden vor sich selbst.
  • Für Trauerreden ist es ungeeignet, da seine kritische und beißende Natur dem Anlass nicht entspricht. Besser nutzt man es in kritischen Essays, Kommentaren oder in der Aus- und Weiterbildung für Journalisten und Texter, um für die Verantwortung der eigenen Worte zu sensibilisieren.

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