Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer …

Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d. h. die unermessliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Aussage stammt aus dem Hauptwerk des Philosophen Arthur Schopenhauer, "Die Welt als Wille und Vorstellung". Konkret findet sie sich im zweiten Band, der 1844 als Ergänzung zum ersten Band von 1818 erschien. Der Satz steht im 49. Kapitel, das sich mit der "Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben" beschäftigt. In diesem Kontext argumentiert Schopenhauer für die Überlegenheit der philosophischen Einsicht über den bloßen Glauben und beschreibt die Kluft zwischen der Erkenntnis der Weisen und dem Handeln der großen Masse der Menschheit.

Biografischer Kontext

Arthur Schopenhauer (1788–1860) war ein deutscher Philosoph, der sich zeitlebens als unzeitgemäßer Außenseiter verstand. Seine Bedeutung liegt nicht in einem akademischen System, sondern in einer radikal ehrlichen und pessimistischen Weltsicht, die bis heute fasziniert. Schopenhauer sah den Kern der Welt als einen blinden, unvernünftigen "Willen" – ein stetes Streben und Begehren, das zu Leiden und Enttäuschung führt. Seine Philosophie bietet keine einfachen Lösungen, sondern eine schonungslose Diagnose der menschlichen Condition. Was ihn für heutige Leser so interessant macht, ist seine frühe Rezeption östlicher Philosophien, sein brillanter, beißender Stil und seine psychologische Tiefe, die spätere Denker wie Nietzsche oder Freud vorwegnahm. Seine Einsichten in die Triebhaftigkeit des Menschen, die Rolle der Kunst als Trost und die Notwendigkeit des Mitleids als moralischer Grundlage wirken erstaunlich modern.

Bedeutungsanalyse

Der Satz ist weniger eine klassische Redewendung als ein philosophischer Aphorismus, der eine tiefe Gesetzmäßigkeit menschlichen Verhaltens beschreibt. Wörtlich behauptet er, dass die Weisen aller Epochen stets zu denselben grundlegenden Wahrheiten über ein gutes und richtiges Leben gelangt sind. Die "Toren", also die unermessliche Mehrheit der Menschen, handeln jedoch konsequent entgegengesetzt zu dieser Einsicht. Ein typisches Missverständnis wäre, "weise" hier mit "intelligent" oder "gebildet" gleichzusetzen. Bei Schopenhauer meint "weise" vielmehr jemand, der durch Selbsterkenntnis und Kontemplation den täuschenden Schleier der individuellen Begierden durchdringt. Der Aphorismus ist keine bloße Klage, sondern eine nüchterne Feststellung einer tragischen Konstante: Die Erkenntnis des Guten führt nicht automatisch zum guten Handeln, denn die Masse wird vom "Willen" – von Leidenschaft, Mode und kurzfristigem Vorteil – getrieben. Es ist eine Aussage über die Macht der Triebe über die Vernunft.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute vielleicht relevanter denn je. In einer Zeit, die von Informationsüberfluss und gleichzeitiger Handlungsstarre bei großen Menschheitsfragen geprägt ist, trifft Schopenhauers Beobachtung einen Nerv. Die Klimakrise ist ein Paradebeispiel: Die wissenschaftliche Erkenntnis ("die Weisen") ist seit Jahrzehnten eindeutig, doch das kollektive Handeln der Mehrheit ("die Toren") ändert sich nur langsam und oft gegen besseres Wissen. Auch im persönlichen Bereich bleibt die Spannung zwischen Einsicht und Verhalten aktuell: Wir wissen um die Vorteile gesunder Ernährung, ausreichender Bewegung oder digitaler Entschleunigung, handeln aber häufig dagegen. Der Satz beschreibt somit zeitlos die kognitive Dissonanz zwischen Wissen und Tun.

Praktische Verwendbarkeit

Dieser anspruchsvolle Gedanke eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche, sondern für reflektierte Kontexte, in denen über menschliche Natur, Geschichte oder gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert wird. Er ist perfekt für einen philosophischen Vortrag, einen Kommentar oder ein Essay. In einer Trauerrede könnte er, mit Feingefühl eingesetzt, die Diskrepanz zwischen den guten Ratschlägen des Verstorbenen und unserer eigenen Unzulänglichkeit thematisieren.

Passende Anlässe und Beispiele:

  • Vortrag über politische Kultur: "Wenn wir auf die Geschichte der Demokratie blicken, scheint sich Schopenhauers Diktum zu bewahrheiten: Die Weisen mahnten stets zu Mäßigung und Dialog, doch die unermessliche Majorität der Akteure handelte oft vom Gegenteil getrieben."
  • Essay über persönliche Entwicklung: "Im persönlichen Streben nach Veränderung erleben wir alle diese Kluft. Die Einsicht ist schnell gewonnen, das konsequente Handeln jedoch das Werk weniger."
  • Kommentar zu gesellschaftlichen Trends: "Angesichts des Phänomens 'Doomscrolling' trotz bekannter negativer Effekte bestätigt sich die alte Wahrheit: Zwischen Einsicht und Verhalten klafft ein tiefer Graben."

Vermeiden sollten Sie die Verwendung in Situationen, die direkte Schuldzuweisungen nahelegen, etwa in hitzigen Debatten. Der Satz wirkt hier überheblich und verurteilend. Seine Stärke liegt in der allgemeinen, fast melancholischen Feststellung, nicht in der Anklage.