Die Fabel von der Pandora ist mir von jeher nicht klar …
Die Fabel von der Pandora ist mir von jeher nicht klar gewesen, ja, ungereimt und verkehrt vorgekommen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser Satz stammt aus Johann Wolfgang von Goethes autobiografischem Werk "Dichtung und Wahrheit", das zwischen 1811 und 1833 erschien. Im vierten Teil, in dem Goethe seine Studienzeit in Leipzig reflektiert, äußert er diese kritische Bemerkung über die antike Pandora-Sage. Der Kontext ist bemerkenswert: Der junge Goethe, geprägt von der aufklärerischen und rationalen Denkweise seiner Zeit, findet den mythologischen Bericht von der Büchse der Pandora, die alle Übel in die Welt entlässt, als moralische Erzählung unlogisch und unbefriedigend. Er empfindet sie als "ungereimt", also widersprüchlich und nicht schlüssig, und als "verkehrt", also falsch oder irreführend in ihrer Aussage. Diese Stelle ist ein faszinierendes Zeugnis für den Geist des jungen Sturm und Drang, der sich gegen überkommene, nicht mehr nachvollziehbare Traditionen auflehnt.
Bedeutungsanalyse
Goethes Aussage ist wörtlich zu nehmen: Ihm war die Fabel, also die lehrhafte Erzählung, von Pandora seit jeher unklar und erschien ihm unsinnig und falsch. Übertragen steht dieser Satz jedoch für eine grundsätzliche Haltung: die kritische Infragestellung etablierter Mythen und vermeintlicher Weisheiten. Es geht um den Mut, auch kanonische Geschichten nicht einfach hinzunehmen, sondern sie auf ihre innere Logik und ihre moralische Schlüssigkeit zu prüfen. Ein typisches Missverständnis wäre, zu glauben, Goethe lehne den Mythos an sich ab. Tatsächlich kritisierte er eine spezifische, ihm als plump und undurchdacht erscheinende Version der Geschichte. Später in seinem Leben schrieb er sogar ein Festspiel mit dem Titel "Pandora", was zeigt, dass ihn der Stoff weiterhin beschäftigte, nun aber in einer eigenen, künstlerisch verwandelten Form.
Relevanz heute
Die Redewendung, oder besser gesagt das Zitat, ist heute weniger im alltäglichen Sprachgebrauch zu finden, aber die dahinterstehende Haltung ist hochaktuell. In einer Zeit von "Fake News" und unkritischer Übernahme von Informationen ist Goethes skeptische Grundhaltung relevanter denn je. Der Satz findet Resonanz, wenn es darum geht, überlieferte Narrative in Politik, Gesellschaft oder auch Wissenschaft zu hinterfragen. Man könnte ihn sinngemäß anwenden, um auszudrücken, dass man eine weit verbreitete, aber oberflächliche Erklärung für ein komplexes Problem ("die Fabel von...") schon immer für unzureichend und irreführend gehalten hat. Die Redewendung lebt also weniger als feststehender Spruch, sondern vielmehr als geistige Position weiter.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat eignet sich hervorragend für anspruchsvolle schriftliche oder mündliche Beiträge, in denen Sie eine fundierte kritische Distanz zu einem tradierten Thema ausdrücken möchten. Es passt in Essays, wissenschaftliche oder kulturwissenschaftliche Vorträge, Leitartikel oder auch in anspruchsvolle Diskussionsrunden.
In einer lockeren Alltagsunterhaltung oder einer Trauerrede wäre es hingegen zu gewählt und zu spezifisch. Es könnte als elitär oder belehrend missverstanden werden. Nutzen Sie es dort, wo der Kontext und das Publikum ein gewisses Maß an Bildungshintergrund erwarten lassen.
Anwendungsbeispiele:
- In einem Kommentar zur Klimadebatte: "Die Fabel von der alleinigen Verantwortung des Einzelverbrauchers ist mir von jeher nicht klar gewesen, ja, ungereimt und verkehrt vorgekommen, da sie von den systemischen Versäumnissen der großen Konzerne und Staaten ablenkt."
- In einer Besprechung eines oft zitierten wirtschaftlichen Dogmas: "Bei aller Verehrung für den klassischen Liberalismus – die Fabel vom sich selbst regulierenden Markt ist mir in ihrer Reinform stets ungereimt erschienen."
- Persönlich-reflektierend in einem Artikel: "Die oft erzählte Fabel, dass Karriere allein glücklich mache, kam mir schon in jungen Jahren verkehrt vor."