Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen sind …
Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen sind meistens nur ihre eigenen dummen Streiche.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser prägnante Satz stammt aus dem Hauptwerk "Faust. Eine Tragödie" von Johann Wolfgang von Goethe. Genauer gesagt findet er sich im ersten Teil des Dramas, in der Szene "Studierzimmer", die zwischen 1806 und 1808 veröffentlicht wurde. Der Satz fällt im Gespräch zwischen Mephistopheles und einem Schüler. Der teuflische Verführer spottet hier über die menschliche Neigung, die Verantwortung für selbstverschuldete Missstände einer abstrakten Macht namens "Schicksal" zuzuschieben. Der Kontext ist also eine zynische Lebenslehre, die Mephistopheles dem unerfahrenen jungen Mann erteilt.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen behauptet der Satz, dass das, was Menschen allgemein als unausweichliches Schicksal bezeichnen, in den meisten Fällen lediglich die Konsequenz ihrer eigenen törichten Handlungen ist. Übertragen bedeutet dies eine scharfe Kritik an der Ausflucht und Selbsttäuschung des Menschen. Anstatt eigene Fehler und schlechte Entscheidungen einzugestehen, wird ein mystifiziertes äußeres Schicksal verantwortlich gemacht. Ein typisches Missverständnis wäre, in dem Zitat eine allgemeine Leugnung von Schicksal oder Unglück zu sehen. Es geht nicht darum, echtes Unglück abzustreiten, sondern die menschliche Tendenz, eigenes Versagen hinter einem bedeutungsschweren Begriff zu verstecken. Kurz interpretiert: Wir sind oft unseres Glückes eigener Schmied – und leider noch häufiger der Architekt unseres eigenen Unglücks.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute beinahe erschreckend aktuell. In einer Zeit, die von der Suche nach externen Schuldigen und der Opferrolle geprägt ist, wirkt Goethes Spruch wie eine zeitlose Mahnung zur Selbstreflexion. Ob in der Politik, in der persönlichen Karriere oder in zwischenmenschlichen Beziehungen: Das Phänomen, eigene "dumme Streiche" – also kurzsichtige Entscheidungen, Bequemlichkeit oder unbeherrschte Impulse – im Nachhinein als unabwendbares Schicksal umzudeuten, ist allgegenwärtig. Die Redewendung ist weniger ein geflügeltes Wort im täglichen Sprachgebrauch, sondern vielmehr ein geflügelter Gedanke, der in Kommentaren, Essays und Analysen immer wieder zitiert wird, um diese menschliche Grundkonstante zu benennen.
Praktische Verwendbarkeit
Der Satz eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um die Analyse von Fehlern oder um persönliche Entwicklung geht. In einem lockeren Vortrag über Projektmanagement könnte man ihn nutzen, um zu illustrieren, warum Post-Mortem-Analysen so wichtig sind. In einer anspruchsvollen Kolumne oder einem Kommentar dient er als pointierter Einstieg oder Abschluss, um politische oder gesellschaftliche Verfehlungen zu kritisieren. Für eine Trauerrede oder tröstende Worte ist der Satz aufgrund seines harschen, zynischen Untertons völlig ungeeignet. Er ist analytisch, nicht tröstend.
Hier finden Sie Beispiele für gelungene Verwendungen:
- In einem Coaching-Gespräch: "Bevor Sie das nächste Mal das Schicksal für Ihre berufliche Sackgasse verantwortlich machen, erinnern Sie sich an Goethe: Oft sind es nur unsere eigenen dummen Streiche."
- In einem Artikel über eine gescheiterte Unternehmensstrategie: "Der Jahresbericht liest sich wie eine Liste von Pech und externen Widrigkeiten. Doch wer genau hinsieht, erkennt: Was hier als Schicksal dargestellt wird, sind meistens nur die eigenen dummen Streiche des Managements."
- In einem privaten, reflektierenden Gespräch unter Freunden: "Ich habe lange geglaubt, es sei einfach mein Schicksal, immer an die falschen Partner zu geraten. Irgendwann habe ich eingesehen, dass Goethe wohl recht hatte – und mein Auswahlverfahren geändert."