Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre …

Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit und in dieser sich selbst zu ertragen.

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieser prägnante Satz stammt aus dem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Er findet sich im zweiten Band, der 1844 als Ergänzung zum ersten Band von 1819 erschien, genauer im Kapitel 41 mit dem Titel "Todeslehre". Der Kontext ist Schopenhauers tiefgründige und oft pessimistische Analyse des menschlichen Wesens. Er argumentiert dort, dass der Mensch zwischen zwei fundamentalen Übeln hin- und hergerissen ist: der Qual der Einsamkeit und der Plage der Geselligkeit. Der Satz fasst einen zentralen Gedanken seiner Sozialphilosophie pointiert zusammen.

Biografischer Kontext

Arthur Schopenhauer (1788–1860) ist bis heute einer der zugänglichsten und persönlichsten Denker der Philosophiegeschichte. Während seine Zeitgenossen wie Hegel vom "Weltgeist" sprachen, stellte Schopenhauer den einzelnen Menschen mit seinen Trieben, seinem Leiden und seinem Kampf gegen die Langeweile in den Mittelpunkt. Seine Weltsicht ist geprägt von der Idee eines blinden, unvernünftigen Lebenswillens, der uns antreibt und doch nur zu Schmerz und Enttäuschung führt. Was ihn für Leser heute so faszinierend macht, ist seine schonungslose Psychologie und seine Fähigkeit, alltägliche menschliche Schwächen – wie eben die Unfähigkeit, mit sich allein zu sein – in den Rang philosophischer Einsichten zu heben. Er ist ein Meister der klaren, bisweilen beißenden Formulierung, der die Philosophie aus dem Elfenbeinturm holte und sie auf das konkrete Leben anwandte. Seine Gedanken beeinflussten später Generationen von Künstlern, Psychologen und Denkern, von Richard Wagner über Sigmund Freud bis zu modernen Schriftstellern.

Bedeutungsanalyse

Schopenhauers Aussage ist eine scharfsinnige psychologische Beobachtung. Wörtlich bedeutet sie, dass der Grund, warum Menschen Gesellschaft suchen ("gesellig macht"), nicht in einer positiven Freude am Miteinander liegt, sondern in einem Mangel: der "Unfähigkeit, die Einsamkeit zu ertragen". Noch schärfer zugespitzt ist der zweite Teil: "und in dieser sich selbst". Die wahre Flucht, so Schopenhauer, gilt nicht nur der äußeren Stille, sondern der Konfrontation mit der eigenen Person. Wer sich selbst nicht ertragen kann, flüchtet in die Gesellschaft anderer, um von sich abgelenkt zu werden. Ein typisches Missverständnis wäre, den Satz als bloße Beschreibung schüchterner Menschen zu lesen. Tatsächlich trifft er einen universellen Zug: Geselligkeit wird hier nicht als Tugend, sondern oft als Symptom einer inneren Leere oder Unruhe entlarvt. Es ist eine schonungslose, aber nicht unbedingt boshafte Diagnose der menschlichen Natur.

Relevanz heute

Die Relevanz dieses Gedankens ist in der modernen, hypervernetzten Welt vielleicht größer denn je. Die ständige Verfügbarkeit sozialer Kontakte – ob digital oder analog – bietet permanente Fluchtmöglichkeiten vor der Stille und dem Alleinsein. Schopenhauers Satz liefert eine tiefgründige Erklärung für das Phänomen der "Fear of Missing Out" (FOMO) oder das Unbehagen, das viele empfinden, wenn sie ohne ihr Smartphone und damit ohne Verbindung zur sozialen Welt dastehen. Er fordert uns indirekt auf, zu hinterfragen, ob unsere Geselligkeit aus echter Zuneigung oder aus einer Angst vor uns selbst erwächst. In einer Zeit, die Selbstoptimierung und permanente Aktivität predigt, wirkt seine Betonung der Fähigkeit, sich selbst zu ertragen (und vielleicht sogar zu schätzen), wie ein notwendiges Gegenmittel.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um Reflexion über das menschliche Miteinander, über Einsamkeit oder über die Qualitäten des Alleinseins geht. Es ist zu geistreich und pointiert für eine lockere Smalltalk-Unterhaltung, passt aber perfekt in anspruchsvolle Vorträge, Essays oder auch in eine tiefgründige Diskussion unter Freunden. In einer Trauerrede könnte es, behutsam eingesetzt, die ambivalente Natur menschlicher Nähe einfühlsam thematisieren. Sie sollten es vermeiden, das Zitat direkt auf eine anwesende Person anzuwenden, da es als sehr direkte Kritik aufgefasst werden könnte.

Beispiele für gelungene Sätze:

  • In einem Vortrag über die digitale Gesellschaft: "Schopenhauers Diagnose, dass Geselligkeit oft aus der Unfähigkeit erwächst, sich selbst zu ertragen, findet in der Angst vor dem offline-Sein eine erschreckende Bestätigung."
  • In einem Artikel über die Kunst des Alleinseins: "Anstatt die Stille zu fürchten, sollten wir sie als Übungsfeld betrachten. Denn wie schon Schopenhauer wusste, liegt der wahre Grund für unsere ruhelose Geselligkeit oft in der fehlenden Freundschaft mit uns selbst."
  • In einer persönlichen Reflexion: "Ich begann zu verstehen, dass mein ständiges Verlangen nach Gesellschaft weniger mit den anderen, sondern mehr mit mir zu tun hatte – eine klassische Schopenhauer-Erkenntnis."