Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie …
Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt, dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und geht hin, wie und wo er will.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die poetische Aussage stammt aus dem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Sie erscheint im zweiten Band, der 1844 als Ergänzung zu seinem Hauptwerk von 1819 veröffentlicht wurde. Der Kontext ist Schopenhauers Erläuterung seiner Metaphysik der Liebe. Er argumentiert, dass der scheinbar individuelle und zielgerichtete Wille zur Fortpflanzung in Wahrheit der blinde, objektive Wille der Natur sei, der sich durch das Individuum hindurch manifestiert. Das Bild der Blume und des Windes dient ihm als Analogie, um dieses philosophische Konzept verständlich zu machen.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt der Satz den natürlichen Vorgang der Bestäubung und Samenverbreitung: Die Blume sendet Duft und Pollen aus, um sich zu vermehren, doch ob und wo der Same tatsächlich Wurzeln schlägt, liegt nicht in ihrer Macht, sondern ist dem Spiel des Windes überlassen.
Übertragen und im Sinne Schopenhauers bedeutet die Redewendung: Der Mensch folgt in seinen tiefsten Trieben und Wünschen, insbesondere in der Liebe, einem naturgegebenen, unbewussten Drang. Wir handeln aus einem Gefühl des persönlichen Wollens heraus, doch das eigentliche Ziel – die Verbindung mit dem "richtigen" Partner für die Zeugung neuer Generationen – wird von einer übergeordneten, blind wirkenden Kraft (dem "Willen" oder dem "Wind") gesteuert. Ein häufiges Missverständnis ist, die Aussage lediglich als romantische Metapher für Schicksal oder Zufall in Liebesdingen zu lesen. Bei Schopenhauer steckt dahinter eine fundamentale und teilweise düstere Philosophie: Das Individuum ist ein Werkzeug einer willenhaften Natur, die es für ihre Zwecke einspannt, ohne Rücksicht auf sein persönliches Glück.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute weniger im alltäglichen Sprachgebrauch verankert, aber ihre gedankliche Tiefe macht sie nach wie vor höchst relevant. Sie findet Resonanz in modernen Diskussionen über Biologie und Philosophie des Bewusstseins. Wenn etwa Evolutionsbiologen erklären, dass unser Verhalten von genetischen Programmen mitgesteuert wird, die auf Fortpflanzungserfolg abzielen, klingt Schopenhauers Bild nach. Ebenso berührt es die Frage nach dem freien Willen: Wie viel von unseren bewussten Entscheidungen, besonders in existenziellen Fragen wie der Partnerwahl, ist wirklich frei, und wie viel wird von unbewussten, triebhaften oder biologischen Kräften gelenkt? In einer Zeit, die Selbstbestimmung feiert, wirft dieses Zitat einen faszinierenden, kritischen Schatten.
Praktische Verwendbarkeit
Die Aussage eignet sich nicht für saloppe Alltagsgespräche, sondern für reflektierte, philosophische oder literarische Kontexte. Ihr Ton ist poetisch, aber mit einer ernsten, fast fatalistischen Unterströmung.
Ideal ist sie in anspruchsvollen Vorträgen oder Essays zu Themen wie Liebe, Schicksal, Determination oder der menschlichen Natur. In einer Trauerrede könnte sie, mit Feingefühl eingesetzt, das Wirken unbegreiflicher, größerer Kräfte im Leben thematisieren. Auch in einem Roman oder einem poetischen Text kann sie als Motto oder eingewobenes Bild fungieren.
Hier sind Beispiele für gelungene Einbettungen:
- In einem Vortrag über Entscheidungsfreiheit: "Wir planen und wählen, als wären wir die Gärtner unseres Lebens. Doch vielleicht sind wir eher die Blume, die ihren Duft aussendet – das Gelingen aber liegt im Wind, der kommt und geht, wie er will."
- In einem literarischen Text über eine unerfüllte Liebe: "Sie dachte an Schopenhauers Wort von der Blume und dem Wind. Sie hatten alles ausgesendet, was sie konnten, Duft und Samen ihrer Zuneigung. Dass er nicht auf fruchtbaren Boden fiel, lag nicht in ihrer Macht."
Vermeiden Sie die Redewendung in geschäftlichen oder technischen Präsentationen, da sie dort als zu abstrakt und weltfremd wahrgenommen werden könnte. Ihr Platz ist dort, wo Tiefgang und gedankliche Reflexion erwünscht sind.