Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt.
Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt" stammt aus dem Werk des deutschen Dichters und Denkers Friedrich von Logau (1604-1655). Sie findet sich in seiner umfangreichen Sammlung von Sinngedichten, den "Deutschen Sinngedichten Drey Tausend", die erstmals 1654 veröffentlicht wurden. Logau, ein Meister der knappen und pointierten Form, verfasste seine Epigramme in einer Zeit großer politischer und sozialer Umwälzungen, dem Dreißigjährigen Krieg. In diesem Kontext sind seine Verse oft als Kommentare zu Moral, Recht und einem geordneten Zusammenleben zu verstehen. Die Redewendung tritt somit explizit als literarisches Zitat in Erscheinung und ist kein anonym gewachsenes Sprichwort des Volksmundes.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung trennt scharf zwischen zwei grundverschiedenen Arten des Gewinns. Wörtlich genommen stellt sie eine einfache Bedingung: Ein finanzieller oder materieller Vorteil (Gewinn) wird als etwas Positives, ja Göttlich-Gesegnetes angesehen, aber nur unter der Voraussetzung, dass er auf ehrliche Weise erworben wurde. Die entscheidende Übertragung liegt im Begriff des "Stehlens". Er steht hier nicht allein für offenen Diebstahl, sondern metaphorisch für jegliche Form unlauteren Erwerbs – Betrug, Ausbeutung, Korruption oder das Vorenthalten rechtmäßigen Lohns.
Ein typisches Missverständnis wäre, in der Aussage eine pauschale Verdammung von Reichtum oder Gewinnstreben zu sehen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Gewinn an sich wird legitimiert und sogar positiv als "Segen" bewertet. Die ethische Schärfe der Aussage zielt ausschließlich auf die Art und Weise der Erlangung. Sie ist somit eine frühe Formulierung des Prinzips, dass der Zweck (Bereicherung) die Mittel (unethisches Handeln) nicht heiligt. Die Kerninterpretation lautet: Wahrer, nachhaltiger Erfolg kann nur auf einem Fundament von Rechtschaffenheit und Fairness gedeihen.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser fast 400 Jahre alten Zeile ist frappierend. In einer Zeit, die von Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Managergehälter, Steueroasen, "Greenwashing" und die ethischen Implikationen globaler Lieferketten geprägt ist, bietet Logaus Sentenz eine zeitlose Messlatte. Sie ist relevant in wirtschaftsethischen Debatten, in der Verbraucheraufklärung, die nach fair produzierten Waren fragt, und im persönlichen Berufsleben.
Die Redewendung wird heute weniger im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, sondern erlebt eine Renaissance als pointiertes Zitat in bestimmten Kontexten. Sie dient als prägnante Überschrift für Artikel über Unternehmensethik, als Motto für Vereine, die sich für fairen Handel einsetzen, oder als Denkimpuls in philosophischen und religiösen Betrachtungen zum Thema "Arbeit und Lohn". Sie schlägt eine direkte Brücke zu modernen Konzepten wie "Purpose" und "Shared Value", die über die reine Gewinnmaximierung hinausweisen.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für alle Kommunikationsanlässe, bei denen es um Integrität, fairen Wettbewerb und ethische Grundsätze geht. Aufgrund ihres literarischen und leicht archaischen Klangs wirkt sie in einer lockeren Alltagsunterhaltung oft zu gewichtig oder gestelzt. Ihre wahre Stärke entfaltet sie in bewusst gesetzten, reflektierten Momenten.
Geeignete Kontexte:
- Vorträge oder Reden zur Unternehmenskultur, bei Preisverleihungen oder Jubiläen: "Unser Erfolg soll ein dauerhafter sein. Denn, wie es schon heißt: Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt. Dieses Prinzip leitet unser Handeln."
- Leitartikel oder Blogbeiträge zu Wirtschaftsthemen: Als einprägsame These, die im weiteren Text erläutert und auf aktuelle Fälle bezogen wird.
- In der persönlichen Beratung oder im Coaching, um eine ethische Dilemma-Situation zu verdeutlichen: "Sie müssen für sich abwägen: Fühlt sich dieser Gewinn wie ein ehrlicher Segen an, oder haben Sie das Gefühl, ihn jemandem weggenommen zu haben?"
Weniger geeignet ist die Redewendung in sehr saloppen oder konfliktträchtigen Situationen. Direkt im Streit einem Gegenüber vorzuwerfen, sein Gewinn sei "gestohlen", wäre eine massive und provozierende Anschuldigung. Die Kraft der Aussage liegt in der selbstreflexiven oder allgemein-prinzipiellen Anwendung, nicht in der persönlichen Anklage. Wählen Sie sie also als weise Maxime, nicht als Kampfbegriff.