Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das …
Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.
Autor: unbekannt
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert" stammt aus dem Werk des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers Oscar Wilde. Sie findet sich in seinem 1891 veröffentlichten Essay mit dem Titel "Der Kritiker als Künstler". In diesem philosophischen Dialog entwickelt Wilde seine ästhetischen Theorien und vertritt die Ansicht, dass die Kritik eine ebenso schöpferische Kunstform sei wie die Kunst selbst. Der Satz fällt im Kontext einer Diskussion über den Wert von Konformität und Individualität für die Zivilisation. Wilde argumentiert hier für die essentielle Rolle des Genies und der nonkonformistischen Persönlichkeit, die den Fortschritt und die kulturelle Verfeinerung vorantreiben.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen stellt die Redewendung eine klare Dichotomie zwischen zwei Kräften her, die unsere Welt formen. Das "Durchschnittliche" steht für alles Normale, Alltägliche, Verlässliche und sich Wiederholende. Es ist das Fundament, die Masse, die Routine, die Stabilität gewährleistet. Ohne sie gäbe es keine Kontinuität. Das "Außergewöhnliche" hingegen repräsentiert die Ausnahme, die brillante Idee, das kühne Kunstwerk, die revolutionäre Erfindung oder die charismatische Persönlichkeit. Dies sind die Elemente, die aus der Menge heraustreten und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Die übertragene Bedeutung ist eine Wertschätzung beider Pole. Sie warnt davor, das Eine auf Kosten des Anderen zu glorifizieren. Ein häufiges Missverständnis ist die Interpretation als Abwertung des Durchschnittlichen. Doch Wilde stellt beide als notwendig dar: Der "Bestand" ist die Voraussetzung für den "Wert". Man kann sich die Welt wie ein Museum vorstellen: Die solide Architektur, die Heizung und die Sicherheitsleute gewährleisten den "Bestand". Die einzigartigen Meisterwerke in den Sälen verleihen dem Museum jedoch erst seinen eigentlichen "Wert". Die Redewendung ist somit eine ausgewogene Würdigung von Stabilität und Innovation, von Regel und Ausnahme.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute relevanter denn je. In einer Welt, die von Algorithmen gesteuert wird, die oft auf den Durchschnitt optimieren, und in der soziale Medien sowohl Konformitätsdruck als auch den Drang, "besonders" zu sein, fördern, bietet Wildes Sentenz einen klärenden Gedanken. Sie ist hochaktuell in Debatten um Innovation (wie viel Standardisierung braucht eine Branche, um zu funktionieren, und wie viel disruptive Kreativität, um voranzukommen?), Bildung (sollte sie Grundkompetenzen für alle oder die Förderung von Elite-Talenten priorisieren?) und Unternehmenskultur (wie balanciert man effiziente Prozesse mit kreativen Freiräumen?). Die Redewendung erinnert uns daran, dass eine gesunde Gesellschaft beides braucht: die verlässliche Basis der vielen und den visionären Impuls der wenigen.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausdruck eignet sich hervorragend für anspruchsvolle Reden und Texte, in denen es um Ausgewogenheit, Wertschätzung oder die Dynamik von Fortschritt geht. Er ist zu geistreich und formuliert für lockere Alltagsgespräche, passt aber perfekt in folgende Kontexte:
- Vorträge und Keynotes zu Themen wie Innovation, Unternehmensführung oder Kulturpolitik: "Bei unserer Produktstrategie sollten wir Oscar Wildes Einsicht beherzigen: Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert. Unser Kerngeschäft muss verlässlich laufen, doch gleichzeitig müssen wir Raum für radikale Ideen schaffen, die uns langfristig prägen."
- Würdigungen und Laudationes, um eine Person oder Leistung zu ehren: "Mit ihren bahnbrechenden Forschungen hat sie genau das getan, was Oscar Wilde beschrieb: Sie hat unserer Welt neuen Wert gegeben, auf dem soliden Bestand ihrer Disziplin aufbauend."
- Essayistische oder journalistische Texte, die ein gesellschaftliches Phänomen analysieren.
- Trauerreden können sie verwenden, um das besondere Wirken eines Verstorbenen im Kontrast zum Alltäglichen zu würdigen, wobei hier Feingefühl geboten ist, um nicht abwertend zu wirken.
Vermeiden sollten Sie die Redewendung in sehr technischen oder emotional aufgeladenen Diskussionen, wo ihre philosophische Allgemeinheit als nichtssagend empfunden werden könnte. Sie ist ein Werkzeug für die pointierte Zusammenfassung eines komplexen Gedankens, nicht für die Lösung konkreter Streitfragen.