Beim Streben nach Wissen wird täglich etwas hinzugefügt. …
Beim Streben nach Wissen wird täglich etwas hinzugefügt. Bei der Einübung ins Tao wird täglich etwas fallen gelassen.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser prägnante Gedanke stammt aus dem 48. Kapitel des Daodejing (auch Tao Te King), einem der grundlegenden Texte des Daoismus. Das Werk wird dem legendären Weisen Laozi zugeschrieben, dessen historische Existenz jedoch nicht zweifelsfrei belegt ist. Die Entstehung des Textes wird auf das 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Der zentrale Kontext ist die daoistische Philosophie, die das Wu Wei (Nicht-Eingreifen, absichtsloses Handeln) und die Rückkehr zur natürlichen Einfachheit lehrt. Der Satz stellt bewusst zwei Lebenswege gegenüber: den konventionellen Weg des Lernens und den spirituellen Weg der Rückkehr zum Dao, der Urquelle allen Seins.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung beschreibt zwei fundamentale, einander entgegengesetzte Prozesse der persönlichen Entwicklung. Der erste Teil – "Beim Streben nach Wissen wird täglich etwas hinzugefügt" – ist wörtlich zu verstehen: Man sammelt Fakten, Theorien und Fertigkeiten an. Im übertragenen Sinn steht dies für den konventionellen, weltlichen Weg des Fortschritts, der auf Akkumulation und Erweiterung des Egos basiert.
Der zweite Teil – "Bei der Einübung ins Tao wird täglich etwas fallen gelassen" – ist der Kern der Lehre. "Fallen gelassen" wird hier nicht im Sinne von Nachlässigkeit verstanden, sondern als aktiver Prozess der Loslösung. Gemeint sind fixierte Vorstellungen, dogmatische Überzeugungen, künstliche Bedürfnisse, egoistische Triebe und der Zwang zu kontrollieren. Ein typisches Missverständnis wäre zu glauben, der Daoismus lehne Bildung ab. Es geht nicht um die Ablehnung von Wissen, sondern um die Befreiung von dem Ballast, der den Blick auf das Wesentliche verstellt. Die Übung ins Tao ist ein Weg der Vereinfachung und inneren Leere, um für den Fluss des Lebens empfänglich zu werden.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute hochaktuell, vielleicht sogar dringlicher denn je. In einer Ära der Informationsüberflutung, des ständigen "Hinzufügens" durch soziale Medien, Weiterbildungspflicht und Konsumangebote, wirkt der zweite Teil des Satzes wie eine radikale und heilsame Einladung zur Gegenbewegung. Die Sehnsucht nach Entschleunigung, Minimalismus und Achtsamkeit spiegelt genau dieses "tägliche Fallenlassen" wider. Die Redewendung findet Resonanz in Coaching-Kontexten, bei Meditationsthemen, in Diskussionen über Digital Detox und in der kritischen Reflexion über unser lineares Fortschrittsdenken. Sie dient als philosophische Grundlage für moderne Konzepte der mentalen Gesundheit, die auf Reduktion von Stress und Erwartungen setzen.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausspruch eignet sich hervorragend für anspruchsvolle Gespräche und formellere Anlässe, bei denen es um persönliche oder gesellschaftliche Entwicklung geht. Er ist zu tiefgründig für lockere Smalltalk-Situationen und sollte nicht flapsig verwendet werden.
Ideal ist er in Vorträgen oder Workshops zu Themen wie Leadership, persönlichem Wachstum oder Work-Life-Balance. Hier kann er als Leitmotiv dienen, um einen Paradigmenwechsel von "mehr haben wollen" zu "weniger brauchen" einzuleiten. In einer Trauerrede kann der Gedanke des Loslassens tröstend und erhellend wirken, indem er auf eine philosophische Ebene gehoben wird.
Gelungene Anwendungsbeispiele im Alltag wären:
- In einem Coaching-Gespräch: "Sie haben in Ihrer Karriere beeindruckend viel 'hinzugefügt'. Vielleicht wäre jetzt eine Phase des bewussten 'Fallenlassens' interessant – von Perfektionsansprüchen oder der Angst, etwas zu verpassen."
- In einem Artikel über Digitalisierung: "Die Technik verspricht uns, täglich etwas hinzuzufügen. Die wahre Kunst der Zukunft könnte jedoch darin liegen, täglich etwas digitalen Ballast fallen zu lassen, um klarer zu denken."
- In einer Reflexion über Konsum: "Nach dem Motto 'täglich etwas fallen lassen' habe ich angefangen, nicht mehr nach Dingen zu suchen, die ich kaufen kann, sondern nach Dingen, die ich getrost weggeben kann."