Sokrates pflegte zu den Göttern nur schlechthin um …

Sokrates pflegte zu den Göttern nur schlechthin um "das Gute" zu beten, als wüssten sie am besten, was gut ist.

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Aussage stammt aus der antiken Überlieferung über den Philosophen Sokrates. Sie wird von seinem Schüler Xenophon in den "Memorabilien" (Erinnerungen an Sokrates) überliefert, einem Werk, das Sokrates' Gespräche und Lebensweise schildert. Xenophon berichtet im ersten Buch, dass Sokrates es ablehnte, für spezifische Dinge wie Reichtum oder Macht zu beten. Stattdessen bat er die Götter pauschal um "das Gute", weil er überzeugt war, dass diese allein wirklich wüssten, was für einen Menschen wahrhaft gut und nützlich ist. Diese Stelle ist eine der prägnantesten Zusammenfassungen der sokratischen Frömmigkeit und seines Vertrauens in eine göttliche Weisheit, die menschliche Wünsche übersteigt.

Biografischer Kontext

Sokrates ist eine der schillerndsten und wirkungsmächtigsten Figuren der Geistesgeschichte, obwohl er selbst kein einziges Schriftwerk hinterließ. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus den Schriften anderer, vor allem von Platon und Xenophon. Was ihn für uns heute so faszinierend macht, ist seine radikale Methode des Fragens. Er ging auf die Athener Agora und stellte scheinbar einfache Fragen: "Was ist Gerechtigkeit?", "Was ist Tapferkeit?", "Was ist das Gute?". Durch sein bohrendes Fragen (die "Sokratische Methode") entlarvte er Halbwissen und brachte seine Gesprächspartner dazu, ihre eigenen ungeprüften Annahmen zu hinterfragen. Seine Einsicht "Ich weiß, dass ich nichts weiß" markiert den Beginn der philosophischen Selbstbesinnung. Seine Haltung, dass ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert sei, fordert uns bis heute heraus. Sokrates wurde schließlich zum Tode verurteilt, weil man ihm Gottlosigkeit und Verführung der Jugend vorwarf. Er nahm den Giftbecher an, blieb seinen Überzeugungen treu und wurde damit zum Urbild des Philosophen, der für die Wahrheit stirbt.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich beschreibt die Redewendung eine Gebetshaltung: Man bittet nicht um konkrete Wünsche, sondern vertraut darauf, dass eine höhere Instanz besser entscheiden kann, was wirklich gut für einen ist. Übertragen steht sie für eine tiefe Lebensweisheit und eine Haltung der Demut und des Vertrauens. Es ist die Einsicht, dass unser eigenes Urteil über das, was uns glücklich macht oder nützt, oft kurzsichtig und von momentanen Begierden getrübt ist. Ein typisches Missverständnis wäre, in der Aussage eine passive oder fatalistische Haltung zu sehen – "was kommt, das kommt". Das Gegenteil ist der Fall. Sokrates war ein höchst aktiver Fragesteller. Sein pauschales Gebet um "das Gute" ist das Ergebnis seiner kritischen Prüfung. Es ist die bewusste Entscheidung, das eigene begrenzte Wissen anzuerkennen und sich einer größeren Weisheit anzuvertrauen, nachdem man alle Illusionen durch rationale Prüfung abgelegt hat. Es ist also ein aufgeklärtes, kein blindes Vertrauen.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute so relevant wie vor 2400 Jahren, vielleicht sogar relevanter in einer Zeit, die von individueller Selbstoptimierung und der Jagd nach spezifischen Zielen (Karriere, Besitz, Status) geprägt ist. Sie wirkt wie ein philosophisches Gegenmittel zum modernen "Manifestieren", bei dem man konkrete Ergebnisse herbeiwünscht. Die sokratische Haltung erinnert uns daran, dass wir die Komplexität des Lebens und die Langzeitfolgen unserer Wünsche oft nicht überblicken können. Sie findet Resonanz in psychologischen Konzepten wie der Achtsamkeit, die ein Annehmen des gegenwärtigen Moments lehrt, oder in der stoischen Philosophie, die zwischen Dingen, die in unserer Macht stehen, und denen, die es nicht sind, unterscheidet. In Diskussionen über Glück, Lebensführung und die Grenzen der Planbarkeit des Lebens wird dieser Gedanke immer wieder aufgegriffen.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat eignet sich hervorragend für anspruchsvolle Gespräche und Texte, in denen es um Lebensführung, Bescheidenheit oder den Umgang mit Unsicherheit geht. Es ist weniger ein flapsiger Spruch für den Alltag, sondern vielmehr ein profundes Statement für besondere Anlässe.

  • In einer Rede oder einem Vortrag über Führungsverantwortung oder Entscheidungsfindung: "Ein guter Leader muss auch die Demut besitzen, nicht immer alles wissen zu können. Manchmal geht es weniger darum, die richtige Antwort zu erzwingen, sondern den besten Rahmen für sie zu schaffen – fast im Sinne des Sokrates, der nur um 'das Gute' bat, im Vertrauen, dass eine umfassendere Weisheit weiß, was wirklich nötig ist."
  • In einer Trauerrede oder einem tröstenden Gespräch, um mit der Hilflosigkeit angesichts des Schicksals umzugehen: "In unserer Ohnmacht und Trauer können wir vielleicht eine Haltung finden, die der des Sokrates ähnelt: nicht um spezifische Veränderungen der Vergangenheit zu bitten, die unmöglich sind, sondern um die Kraft, das Gute in der Erinnerung und im Weitergehen zu erkennen und anzunehmen."
  • In einem persönlichen Reflexionstext oder Tagebuch als Mantra in unsicheren Zeiten: "Statt mich zu verrennen und genau zu planen, wie alles kommen muss, versuche ich, mich an der alten Weisheit des Sokrates zu orientieren: Ich konzentriere meine Energie darauf, das Richtige zu tun und vertraue darauf, dass sich daraus das wahrhaft Gute für mich ergeben wird."

Die Redewendung wäre unpassend in rein sachlichen oder technischen Kontexten, wo es um präzise Lösungen geht. Sie könnte auch missverstanden werden, wenn man sie als Ausrede für mangelnde Zielstrebigkeit oder Planung verwendet. Ihr angemessener Platz ist dort, wo Tiefe und philosophische Reflexion geschätzt werden.