Über Geschmack lässt sich nicht streiten
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Über Geschmack lässt sich nicht streiten
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Wurzeln dieses geflügelten Wortes reichen bis in die Antike zurück. Die lateinische Sentenz "De gustibus non est disputandum" gilt als direkter Vorläufer und bedeutet wortwörtlich "Über Geschmäcker ist nicht zu disputieren". Sie war bereits im Mittelalter ein verbreiteter gelehrter Spruch. Eine frühe deutschsprachige Erwähnung findet sich bei dem Humanisten Sebastian Franck in seiner Sprichwörtersammlung aus dem Jahr 1541. Dort heißt es: "Von den geschmäcken sol man nicht zancken". Interessanterweise wurde der Satz ursprünglich oft in einem etwas anderen Sinn gebraucht als heute: Er diente weniger der friedlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, sondern eher als abwertende Feststellung, dass mit jemandem, der einen schlechten oder unverständlichen Geschmack hat, eine sachliche Diskussion einfach sinnlos sei.
Bedeutungsanalyse
Das Sprichwort besagt, dass persönliche Vorlieben und ästhetische Empfindungen subjektiv sind und daher einer rationalen, allgemeingültigen Debatte nicht zugänglich seien. Wörtlich nimmt es Bezug auf Geschmack im Sinne von kulinarischen Präferenzen. Übertragen meint es jedoch jegliche Form der persönlichen Wertung, sei es in Kunst, Musik, Mode oder Lebensstil. Die dahinterstehende Lebensregel ist eine Aufforderung zur Toleranz und zur Anerkennung der Individualität. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, das Sprichwort verbiete jegliche Diskussion über Kunst oder Design. Das ist nicht der Fall. Es warnt lediglich davor, subjektive Empfindungen als objektive Wahrheiten zu behandeln und erwartet, dass andere die eigene Meinung teilen müssen. Die eigentliche Botschaft lautet: Sie können Ihre Meinung haben, ich habe meine – und keiner von uns hat per se "Recht".
Relevanz heute
Das Sprichwort ist heute so relevant wie nie zuvor. In einer Zeit, die von individueller Selbstverwirklichung und einer unüberschaubaren Vielfalt an Lebensentwürfen und kulturellen Angeboten geprägt ist, dient es als wichtiger sprachlicher Schlichter. Es wird ständig verwendet, um hitzige Debatten über Filme, Musikrichtungen, Interior Design oder sogar politische Stile zu entschärfen. Besonders in den sozialen Medien, wo Geschmacksurteile oft absolut und kampfeslustig formuliert werden, fungiert der Satz als erinnernde Mahnung an die Subjektivität solcher Bewertungen. Er schlägt die Brücke zur Gegenwart, indem er ein Grundprinzip moderner, pluralistischer Gesellschaften auf den Punkt bringt: die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Präferenzen.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die Neurowissenschaft und Psychologie bestätigen den Kern des Sprichworts in bemerkenswerter Weise. Geschmack im übertragenen Sinne ist kein willkürliches Phänomen, sondern tief in unserer Biographie, unseren Genen, kulturellen Prägungen und sogar unserer Gehirnphysiologie verwurzelt. Was wir als schön oder angenehm empfinden, wird durch frühe Erfahrungen, soziale Konditionierung und individuelle neuronale Verknüpfungen geformt. Eine objektive, für alle Menschen gültige "Schönheit" oder "Richtigkeit" in ästhetischen Fragen existiert daher tatsächlich nicht. Allerdings widerlegt die Wissenschaft auch eine zu extreme Interpretation: Während der subjektive Kern geschützt ist, lassen sich durchaus allgemeine Prinzipien (wie Symmetrie, bestimmte Proportionen oder kulturelle Kodierungen) identifizieren, die von vielen Menschen ähnlich wahrgenommen werden. Das Sprichwort hat also recht, aber es erlaubt dennoch eine fundierte Analyse von Gestaltungsprinzipien.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort eignet sich hervorragend für informelle Gespräche, lockere Vorträge oder Diskussionen im Freundes- und Kollegenkreis, um eine festgefahrene oder emotional aufgeladene Debatte zu beenden. Es ist weniger für formelle Anlässe wie eine Trauerrede geeignet, da es dort möglicherweise zu salopp oder zu sehr nach einer Nicht-Auseinandersetzung klingen könnte. In einer professionellen Besprechung über ein Design kann es hilfreich sein, um von subjektiven Befindlichkeiten zurück zu objektiven Kriterien zu lenken.
Ein Beispiel für eine gelungene Verwendung in einem natürlichen Gespräch wäre: "Ich verstehe total, dass Sie diese Wandfarbe als zu grell empfinden. Für mich hat sie genau die Energie, die dieser Raum braucht. Aber wissen Sie was: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Konzentrieren wir uns lieber auf die praktischen Punkte wie die Haltbarkeit des Anstrichs." Ein weiteres Beispiel: Nach einer hitzigen Filmdiskussion könnte man sagen: "Schlussendlich hat uns beiden der Film einfach unterschiedliche Dinge gegeben – und das ist ja auch in Ordnung. Wie es so schön heißt, über Geschmack lässt sich nicht streiten."
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