In der Not frisst der Teufel Fliegen.
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
In der Not frisst der Teufel Fliegen.
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die genaue Herkunft dieses bildhaften Sprichworts liegt im Dunkeln. Es existieren jedoch starke Hinweise darauf, dass es sich um eine deutsche Prägung handelt, die möglicherweise aus dem Mittelalter stammt. Eine direkte literarische Erstnennung lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit belegen. Die Vorstellung, dass selbst der mächtige Teufel in äußerster Bedrängnis zu unwürdigen und erniedrigenden Mitteln greifen muss, spiegelt eine sehr menschliche und universelle Erfahrung wider. Es ist denkbar, dass die Redewendung aus der bäuerlichen oder handwerklichen Lebenswelt stammt, in der man mit knappen Ressourcen und dem Kampf ums tägliche Überleben vertraut war.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt das Sprichwort eine groteske Situation: Der Fürst der Finsternis, eine Figur von großer Macht, ist so verzweifelt, dass er sich mit dem Verzehr von lästigen Insekten begnügen muss. In der übertragenen Bedeutung bringt es eine grundlegende Lebensweisheit auf den Punkt. Es beschreibt die menschliche Tendenz, in Situationen extremer Not, des Mangels oder des großen Drucks Prinzipien, Stolz oder gewohnte Standards über Bord zu werfen. Man nimmt dann Dinge in Kauf oder ergreift Maßnahmen, die man unter normalen Umständen strikt ablehnen oder für unter seiner Würde halten würde. Ein typisches Missverständnis ist die Annahme, das Sprichwort rechtfertige jedes Handeln. Es ist jedoch eher eine nüchterne Beobachtung als eine moralische Empfehlung. Die Lebensregel dahinter könnte lauten: Not kennt kein Gebot, aber sie demütigt auch.
Relevanz heute
Das Sprichwort hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Es wird nach wie vor häufig in der Alltagssprache, in politischen Kommentaren und in der Wirtschaftsberichterstattung verwendet. Immer dann, wenn Menschen oder Organisationen gezwungen sind, unangenehme Kompromisse einzugehen, ist dieses Bild präsent. Man hört es im Zusammenhang mit Koalitionsverhandlungen ("In der Not frisst der Teufel Fliegen, deshalb ging die Partei auf den Deal ein"), bei Unternehmensfusionen oder wenn Staaten in einer Krise politische Gegner um Hilfe bitten müssen. Die Brücke zur digitalen Gegenwart lässt sich leicht schlagen: Ein Start-up, das in finanziellen Schwierigkeiten steckt, könnte Investorengeld von einem dubiosen Partner annehmen – auch das wäre ein Fall von "In der Not frisst der Teufel Fliegen".
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Einen wissenschaftlichen Check im engeren Sinne kann man bei einer metaphorischen Aussage nicht durchführen. Jedoch bestätigen Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltensökonomie den zugrundeliegenden Mechanismus. In Stress- und Notsituationen verschieben sich die Prioritäten des Menschen radikal. Das Gehirn schaltet in einen Überlebensmodus, in dem langfristige Prinzipien und moralische Abwägungen zugunsten einer kurzfristigen Problemlösung in den Hintergrund treten. Studien zur Entscheidungsfindung unter Druck zeigen, dass die Toleranz für Risiko und unethisches Verhalten steigt, wenn die eigene Existenz bedroht erscheint. In diesem Sinne wird die grundlegende Behauptung des Sprichworts – dass Not zu pragmatischem, oft prinzipienlosem Handeln zwingt – durch die menschliche Natur gestützt.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort eignet sich hervorragend für informelle Gespräche, lockere Vorträge oder Kolumnen, in denen man eine schwierige Kompromissentscheidung verständlich und etwas salopp kommentieren möchte. Es ist weniger geeignet für sehr formelle Anlässe wie offizielle Trauerreden oder hochrangige diplomatische Verlautbarungen, wo sein leicht derber und fatalistischer Unterton fehl am Platz wäre. In einem Bewerbungsgespräch sollte man es ebenfalls vermeiden, es sei denn, man möchte die eigene Karriereentscheidung bewusst provokativ darlegen.
Ein gelungenes Beispiel für den Gebrauch in natürlicher Sprache wäre: "Ich weiß, den Vertrag mit diesem Lieferanten wollten wir eigentlich nicht verlängern. Aber angesichts der aktuellen Lieferengpässe haben wir keine Wahl. In der Not frisst der Teufel Fliegen." Oder im privaten Kontext: "Dass ich meinen alten Wagen nochmal zur Inspektion beim Schwager meines Nachbarn billig machen lasse, ist nicht ideal. Aber die Werkstattrechnung wäre gerade zu hoch. In der Not frisst der Teufel Fliegen."
Mehr Deutsche Sprichwörter
- Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
- Da liegt der Hund begraben.
- Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
- Der frühe Vogel fängt den Wurm.
- Der Weg ist das Ziel.
- Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
- Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.
- Eine Hand wäscht die andere.
- Es ist nicht alles Gold was glänzt.
- Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
- Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.
- Jeder ist seines Glückes Schmied.
- Kleider machen Leute.
- Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
- Lügen haben kurze Beine.
- Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
- Morgenstund hat Gold im Mund.
- Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
- Übung macht den Meister.
- Viele Köche verderben den Brei.
- Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.
- Was du heute kannst besorgen das verschiebe nicht auf …
- Was lange währt wird endlich gut.
- Was sich liebt das neckt sich.
- Wer anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein.
- 1285 weitere Deutsche Sprichwörter