Über Geschmack lässt sich streiten

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Über Geschmack lässt sich streiten

Autor: unbekannt

Herkunft

Die genaue Herkunft dieses geflügelten Wortes ist nicht eindeutig belegbar. Es handelt sich um eine sehr verbreitete Redewendung, deren Wurzeln sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Eine oft zitierte lateinische Vorform lautet "De gustibus non est disputandum", was wörtlich "Über Geschmäcker soll man nicht streiten" bedeutet. Diese Sentenz war bereits im Mittelalter ein bekannter gelehrter Grundsatz. Der Gedanke, dass subjektive Vorlieben einer rationalen Debatte entzogen sind, findet sich in ähnlicher Form auch in anderen europäischen Sprachen. Da eine präzise Datierung des ersten Auftretens in deutscher Sprache nicht mit absoluter Sicherheit möglich ist, lassen wir diesen Punkt weg.

Bedeutungsanalyse

Das Sprichwort "Über Geschmack lässt sich streiten" transportiert eine scheinbar widersprüchliche, aber sehr tiefgründige Botschaft. Wörtlich genommen behauptet es, dass ein Streitgespräch über persönliche Geschmacksurteile möglich ist. Die übertragene und eigentliche Bedeutung ist jedoch eine ironische: Sie will genau das Gegenteil sagen. Es ist ein diplomatischer Hinweis darauf, dass solche Diskussionen meist fruchtlos sind, weil Geschmack eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Die dahinterstehende Lebensregel empfiehlt Toleranz und die Anerkennung subjektiver Unterschiede. Ein typisches Missverständnis liegt in der wörtlichen Auslegung. Wer die Redewendung ernsthaft als Aufforderung zu einer Debatte versteht, hat ihren ironischen Kern verfehlt. Sie ist vielmehr ein Appell, eben keinen Streit vom Zaun zu brechen, sondern unterschiedliche Präferenzen gelten zu lassen.

Relevanz heute

Die Aktualität dieses Spruches ist ungebrochen, vielleicht sogar größer denn je. In einer Zeit, die von einer schier unendlichen Vielfalt an Wahlmöglichkeiten und individuellen Lebensentwürfen geprägt ist, dient die Wendung als sozialer Schmiermittel. Sie wird verwendet, um hitzige Diskussionen über Musikstile, Kleidermode, Inneneinrichtung, Filmgeschmack oder sogar Essensvorlieben elegant zu beenden. Besonders in den sozialen Medien, wo Geschmacksurteile oft hart aufeinandertreffen, fungiert der Satz als friedensstiftende Formel. Er schlägt die Brücke zur Gegenwart, indem er im Kern für pluralistische Gesellschaften wirbt, in der nicht eine einzige "richtige" Meinung gelten muss, sondern Vielfalt akzeptiert wird.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Die Neurowissenschaft und Psychologie bestätigen den Kern des Sprichwortes in bemerkenswerter Weise. Geschmack im Sinne von ästhetischer oder sensorischer Präferenz ist kein objektives Faktum, sondern ein komplexes Produkt aus angeborener Veranlagung, kultureller Prägung, persönlichen Erfahrungen und sogar der momentanen Stimmung. Studien zeigen, dass unsere Vorlieben für Musik, Kunst oder Design tief in unserem Gehirn verwurzelt und von Emotionen gesteuert sind. Eine rationale "Wahrheit" in Geschmacksfragen gibt es daher nicht. Allerdings widerlegt die Wissenschaft auch die extreme Interpretation, dass "jeder Geschmack gleich gültig" sei. Es gibt kulturübergreifende ästhetische Prinzipien (wie Symmetrie) und erlernte Qualitätsmaßstäbe. Der Spruch behält also seine Berechtigung als Aufruf zur Toleranz, während Experten sehr wohl über handwerkliche Qualität, Komposition oder Materialität sachlich diskutieren können.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Dieses Sprichwort ist äußerst vielseitig einsetzbar, jedoch nicht für jeden Kontext geeignet. Es passt hervorragend in lockere Alltagsgespräche, gesellige Runden oder Diskussionen unter Freunden, um eine sich anbahnende Reibung abzufedern. In einer professionellen Produktpräsentation oder einer ernsthaften Kunstkritik wäre es dagegen zu salopp und könnte als Ausweichen vor fachlicher Argumentation wirken. Für eine Trauerrede ist es generell unpassend.

Gelungene Beispiele für den natürlichen Gebrauch in heutiger Sprache sind:

  • Im Gespräch: "Ich finde diese neue Serie furchtbar überbewertet." – "Nun ja, über Geschmack lässt sich streiten. Ich bin ganz begeistert von der Charakterzeichnung."
  • Bei der Einrichtung: "Sie wollen die Wand wirklich in diesem knalligen Orange streichen?" – "Ja, ich liebe diese Farbe! Ich weiß, sie ist gewagt, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten."
  • Im Beruf (locker): "Unser neues Logo? Also meiner Meinung nach war das alte viel eleganter." – "Das Feedback ist gemischt. Letztendlich gilt: Über Geschmack lässt sich streiten. Wir werden die Markenakzeptanz beobachten."

Der Schlüssel zur gelungenen Verwendung liegt im Tonfall. Leicht und beschwichtigend eingesetzt, deeskaliert die Phrase. Betont man sie hingegen sarkastisch, kann sie auch eine subtile Abwertung der anderen Meinung transportieren.

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