Jedem das Seine

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Jedem das Seine

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Jedem das Seine" besitzt eine sehr alte und klare sprachliche Herkunft. Sie ist die wörtliche Übersetzung des lateinischen Rechtssprichworts "Suum cuique". Dieses Prinzip wurde maßgeblich vom römischen Philosophen und Staatsmann Cicero (106-43 v. Chr.) geprägt und als Grundpfeiler der Gerechtigkeit definiert. In seinem Werk "De officiis" und in "De legibus" formuliert Cicero, dass Gerechtigkeit darin bestehe, jedem das Seine zuzuteilen, also einem jeden das zu geben, was ihm gebührt. Das Prinzip fand später auch Eingang in das römische Recht und wurde über die Jahrhunderte in der europäischen Rechts- und Geistesgeschichte rezipiert.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich bedeutet "Jedem das Seine" schlicht: Jeder Person soll das zukommen, was ihr gehört oder was ihr gebührt. In der übertragenen und heute gebräuchlichen Bedeutung hat es jedoch zwei stark voneinander abweichende Facetten. Die positive, ursprüngliche Interpretation betont die individuelle Gerechtigkeit und die Anerkennung unterschiedlicher Vorlieben oder Verdienste. Es kann heißen: "Jeder soll nach seinen eigenen Maßstäben glücklich werden" oder "Jeder bekommt, was er verdient". Eine zweite, deutlich negativere und resignativere Bedeutung hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Hier wird das Sprichwort oft verwendet, um Ungerechtigkeiten, ungleiche Verteilung oder auch unangenehme, aber unabänderliche Konsequenzen achselzuckend hinzunehmen. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung ausschließlich mit dieser fatalistischen Nuance zu verbinden und ihren philosophisch-anspruchsvollen Ursprung als Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit zu übersehen.

Relevanz heute

Die aktuelle Verwendung des Sprichworts ist zwiespältig und erfordert besondere Sensibilität. Aufgrund seiner brutalen Pervertierung durch die Nationalsozialisten, die den Spruch am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald anbrachten, ist es in Deutschland historisch belastet. In der Alltagssprache wird es daher deutlich seltener und mit großer Vorsicht gebraucht, oft nur in der bewusst zynischen oder fatalistischen Konnotation. In rechtlichen, philosophischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionen lebt hingegen die ursprüngliche Bedeutung von "Suum cuique" als Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit fort. Seine heutige Relevanz liegt somit weniger im lockeren Sprachgebrauch, sondern vielmehr als historisches und ethisches Diskussionsthema, das die Ambivalenz von Sprache und die Last der Geschichte verdeutlicht.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit des Sprichworts lässt sich nicht empirisch überprüfen, da es sich um ein normatives Prinzip und keine deskriptive Aussage handelt. Es sagt nicht, was ist, sondern was sein sollte. Aus philosophischer und rechtswissenschaftlicher Perspektive bleibt "Jedem das Seine" als Grundsatz der iustitia distributiva (austeilenden Gerechtigkeit) hochrelevant. Die Frage, was genau "das Seine" ist und wer es zuteilt, ist jedoch Gegenstand anhaltender Debatten in der Ethik, Politologie und Rechtslehre. Moderne Gerechtigkeitstheorien, wie die von John Rawls, können als Weiterentwicklung dieses Prinzips verstanden werden, da sie systematisch ergründen, wie gerechte Verteilungsmechanismen in einer Gesellschaft aussehen können. Insofern wird der Kerngehalt nicht widerlegt, sondern fortlaufend präzisiert und hinterfragt.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Wegen der historischen Belastung ist von einem unbedachten Gebrauch im Alltag oder in formellen Reden dringend abzuraten. In einer lockeren Gesprächsrunde unter historisch bewussten Personen könnte es vielleicht im resignativen Tonfall fallen, doch besteht stets das Risiko, missverstanden oder als geschmacklos empfunden zu werden. Geeigneter ist die Verwendung in explizit bildenden Kontexten, etwa in einem Vortrag über römische Philosophie, die Geschichte der Rechtssprichwörter oder in einer Diskussion über die Instrumentalisierung von Sprache. Ein Beispiel für eine reflektierte, erklärende Verwendung in heutiger Sprache könnte lauten: "Ciceros Grundsatz 'Suum cuique', also 'Jedem das Seine', formulierte einen Idealzustand der Gerechtigkeit, der über die Jahrhunderte jedoch oft missdeutet und leider auch pervertiert wurde." In einer Trauerrede, einem Hochzeitsvortrag oder einem Business-Meeting hat dieses Sprichwort aufgrund seiner schweren Konnotationen keinen Platz.

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