Dem Ersten der Tod; dem Zweiten die Not; dem Dritten das …
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Dem Ersten der Tod; dem Zweiten die Not; dem Dritten das Brot
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die genaue Herkunft dieses Sprichworts lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit auf ein einzelnes Datum oder Werk zurückführen. Es handelt sich um ein sehr altes deutsches Sprichwort, das tief in der Erfahrungswelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit verwurzelt ist. Der Kontext ist eindeutig der des Erbrechts, insbesondere bei der Hofübergabe in bäuerlichen Familien. Historisch galt vielerorts das Anerbenrecht, bei dem der gesamte Hof ungeteilt an einen Erben, meist den ältesten Sohn, überging. Dies schützte den Betrieb vor der Zersplitterung, hatte aber gravierende Folgen für die Geschwister.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt das Sprichwort das Schicksal der drei erstgeborenen Söhne eines Bauern: Der Erstgeborene ("dem Ersten der Tod") erbt zwar den Hof, trägt aber auch die schwere Last der Verantwortung, der Schulden und der harten Arbeit, die ihn oft früh verbrauchte. Der Zweitgeborene ("dem Zweiten die Not") erhält nichts und muss sich als Knecht auf dem Hof des Bruders, als Handwerker oder Soldat durchschlagen – ein Leben in Armut und Unsicherheit. Der Drittgeborene ("dem Dritten das Brot") schließlich hatte oft das Glück, eine Ausbildung zu erhalten, etwa zum Pfarrer oder Schreiber, und sicherte sich so ein bescheidenes, aber geregeltes Auskommen.
Übertragen steht das Sprichwort heute für die grundsätzliche Erfahrung, dass Pioniere und Gründer (die "Ersten") das höchste Risiko tragen und oft scheitern. Die Nachfolger ("die Zweiten") kämpfen mit den Hinterlassenschaften und den Schwierigkeiten der Konsolidierung. Erst die dritte Generation oder die dritte Person in einer Reihe kann oft die Früchte ernten und in stabilen Verhältnissen leben. Ein typisches Missverständnis ist die Annahme, es gehe um eine zwangsläufige, biologische Abfolge. Es beschreibt vielmehr eine typische Risiko- und Chancenverteilung über Zeit oder in einer Abfolge von Personen.
Relevanz heute
Das Sprichwort hat nichts von seiner Aussagekraft verloren, auch wenn der ursprüngliche erbrechtliche Kontext kaum noch eine Rolle spielt. Es wird heute häufig im wirtschaftlichen und unternehmerischen Bereich verwendet. Man hört es in Diskussionen über Start-ups, wo die ersten Gründer oft untergehen, die nächsten mit den gleichen Ideen kämpfen müssen und erst spätere Akteure den Markt erobern. Es findet Anwendung in der Technologiegeschichte (Beispiel: erste Automobilbauer, erste Social-Media-Plattformen), in der Politik (Revolutionen) oder sogar in der Popkultur. Die Brücke zur Gegenwart ist also sehr gut zu schlagen, da das Prinzip von Risiko, Lernkurve und späterem Erfolg universell gültig ist.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die allgemeine Lebensregel des Sprichworts wird durch verschiedene wissenschaftliche Beobachtungen gestützt, ohne dass es ein Naturgesetz darstellt. In der Innovationsforschung ist das "First-Mover-Disadvantage" ein bekanntes Konzept: Unternehmen, die als erste einen neuen Markt betreten, tragen die hohen Kosten der Pionierarbeit und der Kundenaufklärung, während "Fast-Follower" von diesen Investitionen lernen und profitieren können. In der Familienunternehmensforschung ist die Problematik der Generationenfolge ("Shirtsleeves to shirtsleeves in three generations") ein weltweit bekanntes Phänomen. Statistisch betrachtet ist die Aussage jedoch nicht in Stein gemeißelt. Erfolg hängt von unzähligen Faktoren ab, und es gibt genug Beispiele, in denen der Erstgeborene, der Pionier oder der Gründer dauerhaft erfolgreich ist. Das Sprichwort beschreibt also eine häufige, aber keine zwingende Tendenz.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Das Sprichwort eignet sich hervorragend für Analysen und Kommentare, weniger für tröstende oder feierliche Anlässe. Es klingt in einem lockeren Vortrag über Wirtschaftsgeschichte, in einem Fachartikel über Markteinführungsstrategien oder in einem geselligen Gespräch über die Höhen und Tiefen eines Familienbetriebs passend. Für eine Trauerrede oder eine Hochzeitsansprache wäre es aufgrund seiner leicht resignativen und harten Grundstimmung ungeeignet und zu salopp.
Ein Beispiel für eine natürliche Verwendung in heutiger Sprache wäre: "Bei der Einführung von Elektroautos sieht man das Sprichwort 'Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot' perfekt bestätigt. Die ersten Modelle vor zehn Jahren waren teure Nischenprodukte mit vielen Kinderkrankheiten. Die nächste Generation kämpfte mit Reichweitenangst und mangelnder Infrastruktur. Erst jetzt, mit der dritten Generation, werden die Fahrzeuge für die breite Masse attraktiv und profitabel." Ein weiteres Beispiel: "In unserer Familie hat sich das alte Sprichwort bewahrheitet. Mein Großvater gründete die Firma und rackerte sich sein Leben lang ab. Mein Vater führte sie durch mehrere Krisen. Und ich darf jetzt das stabile, modernisierte Unternehmen übernehmen."
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