Wie's die Alten sungen, so zwitschern's auch die Jungen
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Wie's die Alten sungen, so zwitschern's auch die Jungen
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Wurzeln dieses bildhaften Sprichworts reichen sehr weit zurück. Es handelt sich um eine eingedeutschte Variante eines lateinischen Spruchs, der bereits im Mittelalter bekannt war: "Qualis pater, talis filius" oder auch "Qualis mater, talis filia" (Wie der Vater, so der Sohn / Wie die Mutter, so die Tochter). Die spezifische Formulierung "Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen" findet sich schriftlich belegt in der Sprichwörtersammlung "Deutsche Parömiologie" von Karl Friedrich Wilhelm Wander aus dem 19. Jahrhundert. Wander verzeichnete es als volkstümliche Redensart. Das Bild vom "Singen" der Alten und dem "Zwitschern" der Jungen greift die natürliche Lern- und Nachahmungskette zwischen Generationen auf: Die Jungen lernen ihren Gesang von den Alten, so wie Kinder Verhaltensweisen, Werte und Einstellungen von ihren Eltern und der sie umgebenden Erwachsenengeneration übernehmen.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt das Sprichwort, dass junge Vögel den Gesang ihrer Eltern nachahmen. In der übertragenen, menschlichen Bedeutung bringt es eine grundlegende soziale und psychologische Beobachtung auf den Punkt: Kinder übernehmen in hohem Maße die Verhaltensmuster, Gewohnheiten, Denkweisen und oft auch die Fehler ihrer Eltern und Erzieher. Es ist weniger ein Befehl als vielmehr eine Feststellung, die sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein kann. Positiv kann es Tradition und Werteweitergabe betonen. Negativ wird es oft verwendet, um unerwünschtes Verhalten bei Kindern zu erklären ("Was willst du erwarten? Wie die Alten sungen..."). Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, das Sprichwort beschreibe einen deterministischen, unausweichlichen Zwang. In Wahrheit formuliert es eine starke Tendenz, schließt aber individuelle Entwicklung und bewusste Abgrenzung nicht aus. Die dahinterstehende Lebensregel ist eine Warnung an die "Alten": Sie müssen sich ihres Vorbildcharakters stets bewusst sein, denn ihr Verhalten prägt die nächste Generation.
Relevanz heute
Das Sprichwort hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Es wird nach wie vor häufig in Alltagsgesprächen, in der pädagogischen Diskussion und in den Medien verwendet. Der Kontext hat sich jedoch erweitert. Während es früher primär auf die Familie bezogen wurde, findet es heute auch Anwendung in gesellschaftlichen Debatten. Man hört es im Zusammenhang mit der Weitergabe von politischen Einstellungen, Konsumgewohnheiten oder auch mit der "Digital Natives"-Generation, die den Umgang mit Technik von den "Digital Immigrants" (den Eltern) lernt und anpasst. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich besonders in der psychologischen und soziologischen Erkenntnis, dass Prägung und soziales Lernen in der Kindheit fundamental sind. In einer Zeit, die stark von Erziehungsfragen und der Reflexion über eigene Verhaltensmuster geprägt ist, bietet das Sprichwort eine griffige, einprägsame Formel für diesen komplexen Sachverhalt.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die moderne Entwicklungspsychologie, Verhaltensgenetik und Soziologie bestätigen den Kern des Sprichworts in bemerkenswerter Weise, differenzieren ihn aber stark. Die Forschung zeigt eindeutig, dass Kinder durch Beobachtungslernen (am Modell der Eltern) und durch die konkrete Erziehungsumgebung massiv geprägt werden. Sprache, soziale Normen, Umgangsformen und oft auch Weltbilder werden in der frühen Kindheit erlernt. Allerdings widerlegt die Wissenschaft die deterministische Lesart. Der Einfluss von Peers (Gleichaltrigen), der eigenen Persönlichkeit, von Lehrern und zunehmend auch der medialen Umwelt wird als ebenso wichtig erkannt. Die moderne Sichtweise ist also eine Interaktion von Anlage, Prägung und Umwelt. Das Sprichwort behält somit als Beschreibung eines zentralen Mechanismus seine Wahrheit, muss aber um die Erkenntnis ergänzt werden, dass die "Jungen" nicht nur zwitschern, sondern den erlernten Gesang auch verändern, mixen und mit neuen Melodien anreichern können.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Das Sprichwort eignet sich hervorragend für lockere bis semi-formelle Gespräche und Vorträge, in denen es um Generationenthemen, Erziehung oder die Erklärung von Verhaltensmustern geht. In einer offiziellen Trauerrede könnte es zu salopp wirken, es sei denn, es passt charakterlich zum Verstorbenen und seiner Familie. In einer Rede über Werteweitergabe in einem Verein oder Unternehmen kann es dagegen sehr pointiert eingesetzt werden. Es ist weniger geeignet für direkte Konfrontationen ("Siehst du, bei dir ist es auch so, wie die Alten sungen..."), da dies als vorwurfsvoll empfunden werden kann. Besser ist die Verwendung zur selbstreflexiven oder allgemeinen Betrachtung.
Ein Beispiel in natürlicher, heutiger Sprache im Gespräch unter Freunden: "Ich habe neulich beobachtet, wie mein Sohn genau die gleiche Handbewegung macht wie sein Opa. Es ist wirklich erstaunlich, wie's die Alten sungen, so zwitschern's auch die Jungen. Da merkt man, wie viel unbewusst übernommen wird."
Ein Beispiel in einem pädagogischen Vortrag: "Unsere Aufgabe als Eltern und Erzieher ist es, uns dieses Prinzips stets bewusst zu sein: 'Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.' Wir sind die ersten und wichtigsten Vorbilder. Unser tägliches Verhalten ist der Gesang, den die Kinder lernen."
Mehr Deutsche Sprichwörter
- Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
- Da liegt der Hund begraben.
- Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
- Der frühe Vogel fängt den Wurm.
- Der Weg ist das Ziel.
- Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
- Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.
- Eine Hand wäscht die andere.
- Es ist nicht alles Gold was glänzt.
- In der Not frisst der Teufel Fliegen.
- Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
- Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.
- Jeder ist seines Glückes Schmied.
- Kleider machen Leute.
- Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
- Lügen haben kurze Beine.
- Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
- Morgenstund hat Gold im Mund.
- Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
- Übung macht den Meister.
- Viele Köche verderben den Brei.
- Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.
- Was du heute kannst besorgen das verschiebe nicht auf …
- Was lange währt wird endlich gut.
- Was sich liebt das neckt sich.
- 1285 weitere Deutsche Sprichwörter