Wer das Eine will muß das Andre mögen

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Wer das Eine will muß das Andre mögen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die genaue Herkunft dieses Sprichworts ist nicht zweifelsfrei belegbar. Es handelt sich um eine sehr alte Lebensweisheit, die in verschiedenen Kulturen und Sprachen in ähnlicher Form auftaucht. Eine frühe schriftliche Fixierung im deutschen Sprachraum findet sich beispielsweise in den Werken von Martin Luther. In seinen "Tischreden" aus dem 16. Jahrhundert heißt es sinngemäß: "Wer das eine will, muss das andere leiden oder mögen." Der Kern der Aussage ist also seit Jahrhunderten im deutschen Sprachschatz verankert und reflektiert eine grundlegende Erfahrung mit Entscheidungen und ihren Konsequenzen.

Bedeutungsanalyse

Das Sprichwort "Wer das Eine will, muss das Andere mögen" bringt ein Prinzip der Verbundenheit von Vor- und Nachteilen auf den Punkt. Wörtlich genommen bedeutet es: Wenn Sie sich für eine bestimmte Sache entscheiden (das Eine), müssen Sie auch die damit unweigerlich verbundenen, oft weniger angenehmen Begleitumstände (das Andere) akzeptieren. Die übertragene Lebensregel lautet: Nichts im Leben kommt ohne seinen Preis. Jede Wahl, jedes Ziel und jeder Zustand bringt sowohl positive als auch negative Seiten mit sich. Ein typisches Missverständnis ist die Interpretation, man müsse die negativen Seiten tatsächlich "mögen" im Sinne von genießen. Gemeint ist vielmehr die nüchterne Akzeptanz. Sie müssen die Kehrseite der Medaille hinnehmen, ertragen oder in Kauf nehmen, um Ihr eigentliches Ziel zu erreichen.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute so relevant wie eh und je, vielleicht sogar relevanter in einer Zeit, die oft die Illusion der perfekten, kompromisslosen Lösung nährt. Ob in der Arbeitswelt ("Wer Karriere will, muss Überstunden mögen"), in der Erziehung ("Wer Kinder will, muss schlaflose Nächte mögen") oder bei Lifestyle-Entscheidungen ("Wer in der Natur leben will, muss lange Wege zur Stadt mögen") – das Prinzip ist universell anwendbar. Es wird nach wie vor häufig verwendet, um Realismus einzufordern und romantisierende Vorstellungen zu korrigieren. Die Brücke zur digitalen Gegenwart schlägt sich in Sätzen wie: "Wer ständige Erreichbarkeit und soziale Präsenz will, muss den Verlust von Privatsphäre mögen."

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Das Sprichwort hält einem wissenschaftlichen oder psychologischen Check sehr gut stand. Es entspricht im Kern dem ökonomischen Prinzip der Opportunitätskosten, wonach jede Entscheidung den Verzicht auf die nächstbeste Alternative bedeutet. Die Positive Psychologie und die Forschung zur Entscheidungsfindung bestätigen, dass das Akzeptieren von Nachteilen (oder "Kosten") entscheidend für Zufriedenheit ist. Menschen, die glauben, sie könnten alles haben ohne Einbußen, neigen zu Frustration und Entscheidungsunfähigkeit. Die moderne Verhaltenswissenschaft würde also sagen: Der Satz ist eine volkstümliche, aber treffende Beschreibung der Trade-offs, die jedes rationale Handeln charakterisieren. Seine Allgemeingültigkeit ist in diesem Rahmen gut belegt.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Dieses Sprichwort eignet sich hervorragend für beratende, erklärende oder leicht moralisierende Gespräche. Es klingt passend in einem lockeren Vortrag über Work-Life-Balance, in einem Coaching-Gespräch oder in einer Diskussion unter Freunden über Lebensentscheidungen. In einer formellen Trauerrede wäre es wahrscheinlich zu salopp und zu sehr auf weltliche Kompromisse fokussiert. Auch in einer hitzigen Debatte kann es als zu abgeklärt und paternalistisch wirken ("Nun ja, wer das Eine will..."). Ideal ist es, um Gelassenheit zu fördern oder eine Entscheidung zu rechtfertigen.

Ein Beispiel für eine natürliche Verwendung im Alltag: Ein Freund beklagt sich über den Stress seiner Beförderung. Sie könnten antworten: "Ich verstehe das vollkommen. Aber du wolltest ja mehr Verantwortung und Gestaltungsspielraum. Und wer das Eine will, muss leider das Andere mögen – in diesem Fall das höhere Arbeitspensum und den Druck." Ein weiteres Beispiel im beruflichen Kontext: "Wir entscheiden uns für den schnelleren, agileren Entwicklungsprozess. Das bedeutet, wir müssen in Kauf nehmen, dass nicht von Anfang an jedes Detail perfekt ist. Wer das Eine will, muss das Andere mögen."

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