Wer bei den Frauen keine Gunst hat, kann sich leicht der …

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Wer bei den Frauen keine Gunst hat, kann sich leicht der Keuschheit rühmen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die genaue Herkunft dieses Spruchs ist nicht zweifelsfrei belegbar. Es handelt sich um ein klassisches Beispiel für eine volkstümliche Lebensweisheit, die in verschiedenen europäischen Kulturen in ähnlicher Form auftaucht. Eine frühe schriftliche Erwähnung findet sich in der Sammlung "Sprichwörter der Deutschen" von Karl Friedrich Wilhelm Wander aus dem 19. Jahrhundert. Dort wird es als allgemein bekanntes deutsches Sprichwort aufgeführt. Der Kontext ist stets der der Rechtfertigung oder des Trostes in Liebesangelegenheiten und spiegelt eine traditionell männliche Perspektive wider.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich nimmt das Sprichwort einen Mann in den Blick, der bei Frauen keinen Erfolg hat und deshalb behauptet, enthaltsam zu leben. Die übertragene Bedeutung ist jedoch vielschichtiger. Es kritisiert auf humorvolle Weise eine Form der Selbsttäuschung: Man schmückt sich mit einer vermeintlichen Tugend (Keuschheit), die in Wahrheit nur aus der Not geboren ist, weil man die begehrte Gunst gar nicht erlangen kann. Die dahinterstehende Lebensregel warnt davor, aus einer Niederlage oder einem Mangel voreilig eine freiwillige Entscheidung oder moralische Überlegenheit zu konstruieren. Ein häufiges Missverständnis ist, dass es sich um eine frauenfeindliche Aussage handelt. Vielmehr ist es eine allgemeine menschliche Schwäche, die hier beschrieben wird – die Neigung, unerfüllte Wünsche nachträglich als freiwilligen Verzicht umzudeuten.

Relevanz heute

Das Sprichwort ist heute nach wie vor relevant, auch wenn sich der sprachliche Ausdruck gewandelt hat. Sein Kernmechanismus ist universell und lässt sich auf viele moderne Lebensbereiche übertragen. Man hört es seltener im wortwörtlichen Sinn, aber die zugrundeliegende Ironie lebt in Redewendungen wie "sauer Trauben" weiter. Die Brücke zur Gegenwart schlägt das Sprichwort immer dann, wenn jemand sein Scheitern in einem bestimmten Bereich (Beruf, Sport, sozialer Status) mit einer angeblich freiwilligen Abkehr von diesem Bereich bemäntelt. Es wird heute oft in lockerem, analytischem oder selbstironischem Ton verwendet, um eine solche Haltung zu entlarven.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Die psychologische Kernaussage des Sprichworts wird durch das Konzept der "kognitiven Dissonanzreduktion" gestützt. Die Theorie besagt, dass Menschen psychischen Stress empfinden, wenn ihre Handlungen nicht mit ihren Überzeugungen übereinstimmen oder wenn Wünsche unerfüllt bleiben. Um diesen Stress abzubauen, passen sie ihre Einstellungen an. Ein klassisches Experiment dazu ist die "Theorie der kognitiven Dissonanz" von Leon Festinger, bei dem Probanden eine langweilige Aufgabe als interessant bewerteten, nachdem sie nur eine geringe Belohnung dafür erhalten hatten – sie passten ihre Meinung an, um die Sinnlosigkeit ihrer Mühe zu rechtfertigen. Genau dieser Mechanismus wird im Sprichwort beschrieben: Das Fehlen von "Gunst" (die frustrierende Realität) wird durch das "Rühmen der Keuschheit" (eine umgedeutete, positiv besetzte Einstellung) erträglicher gemacht. Insofern bestätigen moderne psychologische Erkenntnisse die menschliche Tendenz, die das Sprichwort auf den Punkt bringt.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Dieses Sprichwort eignet sich hervorragend für lockere Gespräche unter Freunden, für selbstironische Kommentare oder in analytischen Diskussionen über menschliches Verhalten. Es wäre zu salopp und taktlos für eine Trauerrede oder eine formelle Ansprache. In einem lockeren Vortrag über Psychologie oder Alltagsphilosophie kann es jedoch ein perfektes, einprägsames Beispiel sein.

Beispiel in natürlicher Sprache (selbstironisch): "Ich habe mir das neueste Smartphone nicht gekauft... aber ehrlich gesagt, war es mir auch zu teuer. Da passt doch das alte Sprichwort: Wer bei den Frauen keine Gunst hat, kann sich leicht der Keuschheit rühmen."

Beispiel in einem Gespräch (analytisch): "Markus sagt immer, er wolle gar nicht befördert werden, weil das zu viel Stress bedeutet. Ich frage mich manchmal, ob das nicht ein Fall von 'Wer bei den Frauen keine Gunst hat...' ist. Er wurde einfach dreimal übergangen und baut sich jetzt eine Tugend aus der Not."

Beispiel für eine moderne Übertragung: "Wenn ein Unternehmen erklärt, es verzichte aus Prinzip nicht auf eine umstrittene Technologie, obwohl es sie einfach nicht beherrscht, dann ist das pure Sprichwort-Psychologie. Wer keine Gunst hat, rühmt sich der Keuschheit."

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