Weder Fisch noch Fleisch

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Weder Fisch noch Fleisch

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Herkunft der Redewendung "weder Fisch noch Fleisch" ist historisch gut belegt und führt uns direkt in die Zeit der Reformation und der konfessionellen Konflikte des 16. Jahrhunderts. Die genaue Formulierung taucht erstmals in der Schrift "Von der Milch und Honig fliessenden Wunderquelle" des protestantischen Theologen Johann Fischart aus dem Jahr 1577 auf. Dort geißelt er diejenigen, die sich nicht klar zwischen den Konfessionen entscheiden wollten, als "weder Fisch noch Fleisch" sein. Der Hintergrund ist spezifisch: Die katholische Kirche gebot, freitags und in der Fastenzeit kein Fleisch, sondern Fisch zu essen. Wer sich also nicht eindeutig zu einer der beiden Seiten bekannte, hielt sich an keine der Regeln – er aß weder das eine noch das andere. Das Sprichwort war somit von Beginn an eine scharfe Kritik an charakterlicher Unentschlossenheit und mangelnder Standfestigkeit.

Bedeutungsanalyse

Im wörtlichen Sinne beschreibt die Wendung eine Speise, die keine klare Zuordnung erlaubt und daher kulinarisch unbefriedigend ist. Übertragen und in der heutigen Verwendung kritisiert man damit eine Person, eine Sache oder eine Position, die keine klaren Konturen hat, sich nicht einordnen lässt und dadurch wertlos oder unglaubwürdig erscheint. Es ist ein Tadel für mangelnde Eindeutigkeit und Prinzipien. Die dahinterstehende Lebensregel könnte man als Plädoyer für Klarheit und Entscheidungsfreude verstehen: Man solle Farbe bekennen und zu einer Sache stehen, anstatt sich in einer bequemen, aber respektlosen Mitte zu verstecken. Ein typisches Missverständnis ist die Annahme, es ginge einfach um Mittelmäßigkeit. Der Kern ist jedoch die vermeidende Haltung und die Verweigerung einer klaren Zuordnung, nicht die durchschnittliche Qualität an sich. Eine mittelmäßige Pizza ist noch lange nicht "weder Fisch noch Fleisch", solange sie eindeutig eine Pizza ist.

Relevanz heute

Die Relevanz dieses Sprichworts ist ungebrochen hoch, vielleicht sogar höher denn je. In einer Zeit, die von komplexen Debatten, politischer Polarisierung und einer Flut an Optionen geprägt ist, wird die Fähigkeit, klare Positionen zu beziehen, ständig auf die Probe gestellt. Man verwendet die Redewendung nach wie vor häufig, um halbherzige Kompromisse, verwässerte Produkte oder unentschlossenes Verhalten zu kritisieren. Sie taucht in politischen Kommentaren auf ("Das neue Gesetz ist ein typischer Kompromiss, weder Fisch noch Fleisch"), in Produktkritiken ("Das neue Smartphone-Modell will alles sein und ist am Ende nichts Richtiges") oder im zwischenmenschlichen Bereich, um jemandes unklares Verhalten zu beschreiben. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in modernen Begriffen wie "Wishy-Washy" oder "auf der Zaun sitzen", die eine ähnliche Haltung beschreiben.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Aus psychologischer und soziologischer Perspektive lässt sich der implizite Wahrheitsanspruch des Sprichworts – dass Unentschlossenheit negativ bewertet wird – gut belegen. Studien zur Entscheidungsfindung zeigen, dass übermäßiges Abwägen und das Vermeiden klarer Entscheidungen (ein Zustand, den Psychologen als "analysis paralysis" bezeichnen) zu Stress, Unzufriedenheit und geringerer Produktivität führen kann. In der Sozialpsychologie wird die Bedeutung klarer sozialer Rollen und Identitäten für das Selbstwertgefühl und die Gruppendynamik betont. Personen oder Positionen, die sich nicht zuordnen lassen, können tatsächlich auf Misstrauen stoßen, da sie keine vorhersehbaren Handlungsmuster bieten. In diesem Sinne bestätigen moderne Erkenntnisse die grundlegende menschliche Tendenz, Eindeutigkeit zu schätzen und Mehrdeutigkeit als anstrengend oder suspekt zu empfinden. Das Sprichwort hält also einer wissenschaftlichen Prüfung stand, indem es ein reales soziales und psychologisches Phänomen beschreibt.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Die Redewendung ist vielseitig einsetzbar, bleibt aber stets eine leicht spöttische oder kritische Bewertung. Sie eignet sich hervorragend für lockere Vorträge, Kolumnen, Produktbewertungen oder im privaten Gespräch, um eine gewisse Frustration über mangelnde Klarheit auszudrücken. In einer offiziellen Trauerrede oder einem hochformalisierten diplomatischen Schreiben wäre sie hingegen zu salopp und zu hart. Auch in konstruktiver Kritik gegenüber Vorgesetzten sollte man sie mit Vorsicht verwenden, da sie implizit Unfähigkeit unterstellt.

Beispiele für eine gelungene Verwendung in natürlicher, heutiger Sprache:

  • Im Beruf: "Der Vorschlag der Marketingabteilung ist mir zu unkonkret. Das ist weder eine klassische Kampagne noch ein viraler Social-Media-Ansatz – das ist leider weder Fisch noch Fleisch."
  • Bei Produkten: "Dieser neue Crossover will SUV, Sportwagen und Familienvan sein. Am Ende ist er aber weder Fisch noch Fleisch und überzeugt in keiner Disziplin so richtig."
  • Im Privaten: "Ich verstehe sein Verhalten nicht. Er sagt nicht klar, ob er mitkommen will, lehnt aber auch nicht ab. Diese weder-Fisch-noch-Fleisch-Haltung nervt langsam."

Um das Sprichwort effektiv einzusetzen, sollten Sie es auf Situationen anwenden, in denen die fehlende Eindeutigkeit das Kernproblem ist und nicht nur eine nebensächliche Eigenschaft.

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