Mit den Lahmen lernt man hinken, mit den Säufern trinken

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Mit den Lahmen lernt man hinken, mit den Säufern trinken

Autor: unbekannt

Herkunft

Die genaue Herkunft dieses Sprichworts ist nicht mit letzter Sicherheit auf ein bestimmtes Datum oder Werk zurückzuführen. Es handelt sich um ein sehr altes, volkstümliches Sprichwort, das in verschiedenen europäischen Sprachen in ähnlicher Form auftaucht. Eine frühe schriftliche Erwähnung im deutschen Sprachraum findet sich beispielsweise in der Sprichwörtersammlung von Wander (1867-1880). Die Weisheit basiert auf der seit der Antike bekannten und in vielen Kulturen verbreiteten Beobachtung, dass der Mensch stark von seiner Umgebung geprägt wird. Vergleichbare Sentenzen wie "Wer mit Wölfen heult, wird zum Wolf" oder das lateinische "Cum principibus ambulare, disces principari" (Mit Fürsten umgehen, lernst du herrschen) transportieren denselben Grundgedanken.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich genommen beschreibt das Sprichwort zwei konkrete Szenarien: Umgibt man sich mit Menschen, die hinken, könnte man selbst anfangen, diesen Gang zu imitieren. Verbringt man seine Zeit mit Trinkern, wird man höchstwahrscheinlich ebenfalls zum Glas greifen. Die übertragene Bedeutung ist jedoch viel weitreichender. Es warnt vor dem unbewussten und oft ungewollten Einfluss, den unser soziales Umfeld auf unsere Gewohnheiten, unser Verhalten und sogar unseren Charakter ausübt. Die Lebensregel lautet: "Wähle deine Gefährten mit Bedacht, denn du wirst unwillkürlich wie sie." Ein typisches Missverständnis ist, das Sprichwort als rein negativen Aufruf zur Abschottung zu verstehen. Es geht weniger um pauschale Verurteilung, sondern vielmehr um die bewusste Reflexion darüber, welche Verhaltensmuster man durch seine täglichen Kontakte "erlernen" könnte, ob gewollt oder ungewollt.

Relevanz heute

Die Aussage des Sprichworts ist heute relevanter denn je. Die moderne Psychologie und Soziologie bestätigen den enormen Einfluss von Peer-Groups und sozialen Netzwerken. Die Warnung findet sich in zeitgenössischen Kontexten wieder, etwa in der Debatte um sozialen Druck in Jugendcliquen, im betrieblichen Umfeld ("Kultur des Unternehmens") oder sogar in der digitalen Welt, wo Algorithmen uns in "Filterblasen" mit Gleichgesinnten platzieren. Eltern nutzen die Redewendung oft, um ihre Kinder für die Wahl ihrer Freunde zu sensibilisieren. Im Business-Coaching wird der Gedanke mit Sätzen wie "Sie sind der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen Sie die meiste Zeit verbringen" aufgegriffen. Das Sprichwort hat also keineswegs an Schlagkraft verloren.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Die Kernaussage des Sprichworts wird durch zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Die Sozialpsychologie beschreibt Phänomene wie die soziale Ansteckung (emotional und verhaltensbezogen), die Konformität (Anpassung an Gruppennormen, Asch-Experiment) und das soziale Lernen (Lernen durch Beobachtung und Imitation, Bandura). Studien zeigen, dass Verhaltensweisen wie Rauchen, Übergewicht, Glück oder sogar Einsamkeit in sozialen Netzwerken "ansteckend" sein können. Der Mechanismus ist also real. Allerdings ist die Aussage des Sprichworts nicht deterministisch zu verstehen. Sie beschreibt eine starke Tendenz, keinen unausweichlichen Automatismus. Der individuelle Wille, die Reflexionsfähigkeit und die aktive Wahl, sich bewusst abzugrenzen, bleiben entscheidende Gegenkräfte, die das Sprichwort nicht thematisiert.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Das Sprichwort eignet sich hervorragend für Gespräche oder Vorträge, in denen es um persönliche Entwicklung, Erziehung, Teambuilding oder den Einfluss des Umfelds geht. Es klingt in einem lockeren Vortrag vor Eltern, in einem Coaching-Gespräch oder in einer internen Besprechung zur Unternehmenskultur passend. In einer formellen Trauerrede wäre es hingegen wahrscheinlich zu salopp und zu allgemein lebenslehrend. Die Stärke liegt in seiner bildhaften und einprägsamen Warnung.

Beispiel für eine natürliche Verwendung im Alltag: Ein Freund erzählt, dass er seit er in einer neuen Abteilung arbeitet, ständig Überstunden macht und gestresster ist, obwohl das eigentlich nicht sein Stil ist. Sie könnten antworten: "Das klingt, als würde die Abteilungskultur dich ganz schön mitreißen. Du weißt ja: Mit den Lahmen lernt man hinken. Vielleicht musst du dich da aktiv ein bisschen abgrenzen."

Beispiel im Kontext der Erziehung: "Ich mache mir keine Sorgen, weil Max einen Freund hat, der mal eine schlechte Note schreibt. Ich mache mir Sorgen, wenn dieser Freund ständig gegen alle Regeln verstößt und Max bewundert. Mit den Säufern lernt man trinken – der Umgang prägt einfach."

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