Im Glücke nicht vermessen, im Unglück nicht verzagt
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Im Glücke nicht vermessen, im Unglück nicht verzagt
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die genaue, erste schriftliche Quelle dieses Sprichworts lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit bestimmen. Seine geistige Heimat ist jedoch eindeutig die antike Philosophie, insbesondere die Stoa. Die Lebensmaxime, in Erfolgszeiten nicht übermütig und in schwierigen Phasen nicht mutlos zu werden, findet sich als zentrales Element stoischer Ethik. Ein direkter Vorläufer ist das lateinische "Nec adversa nec prospera", was sinngemäß "Weder im Unglück noch im Glück" aus der Haltung fallen bedeutet. In der deutschen Sprache ist die prägnante Zweiheit "Im Glücke nicht vermessen, im Unglück nicht verzagt" spätestens seit dem 18. Jahrhundert als geflügeltes Wort und fester Bestandteil der Lebensklugheit etabliert. Es handelt sich somit um die verdichtete Überlieferung einer jahrtausendealten Weisheit.
Bedeutungsanalyse
Das Sprichwort formuliert eine doppelte Haltung der inneren Balance. Wörtlich fordert es auf, im Zustand des Glücks ("Glücke") nicht vermessen, also nicht überheblich, arrogant oder maßlos zu werden. Gleichzeitig soll man im Zustand des Unglücks nicht verzagt, also nicht mutlos, hoffnungslos oder entmutigt sein. Die übertragene Lebensregel zielt auf emotionale Stabilität und charakterliche Festigkeit ab. Es geht um die bewusste Distanz zu den eigenen wechselhaften Lebensumständen. Ein typisches Missverständnis wäre zu glauben, es verbiete Freude im Erfolg oder Trauer im Leid. Das ist nicht der Fall. Es warnt vielmehr vor der Identifikation mit diesen Zuständen: Man ist nicht sein Erfolg, und man ist nicht sein Scheitern. Die goldene Mitte liegt in der gelassenen Annahme des Wandels.
Relevanz heute
Die Relevanz dieses Spruches ist in der modernen, von schnellen Wechseln und emotionalen Extremen geprägten Welt ungebrochen hoch. Es wird nach wie vor verwendet, oft in anspruchsvollen Kontexten wie persönlichen Ratschlägen, in der Lebensberatung, in Management-Seminaren zur Resilienz oder in philosophischen Betrachtungen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich in Begriffen wie "Emotionale Intelligenz" und "Resilienz". Die Fähigkeit, sich von Erfolgen nicht blenden und von Rückschlägen nicht lähmen zu lassen, ist eine zentrale Kompetenz für psychische Gesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit. In einer Zeit der sozialen Medien, wo "Glück" oft zur Schau gestellt und "Unglück" dramatisiert wird, ist die Aufforderung zur inneren Gelassenheit aktueller denn je.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die moderne Psychologie und Neurowissenschaft bestätigen die Kernaussage in bemerkenswerter Weise. Das Konzept der Resilienz beschreibt genau die Fähigkeit, Krisen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu bewältigen – also "nicht verzagt" zu sein. Forschungen zur kognitiven Verzerrung zeigen zudem, wie Erfolge oft zur Selbstüberschätzung ("Overconfidence Bias") führen, was langfristig zu Fehlentscheidungen verleitet – die Warnung vor Vermessenheit ist also empirisch fundiert. Die positive Psychologie betont zudem, dass ein ausgeglichenes, nicht von externen Umständen abhängiges Selbstwertgefühl ein Schlüssel zum Wohlbefinden ist. Somit wird die alte Weisheit durch aktuelle Erkenntnisse nicht widerlegt, sondern in eine wissenschaftliche Sprache übersetzt und gestützt.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort eignet sich besonders für Situationen, die Reflexion und Besinnung erfordern. Es ist zu salopp für reine Smalltalk-Situationen, passt aber hervorragend in persönliche Gespräche, in denen es um Lebensführung oder die Bewältigung von Höhen und Tiefen geht. In einer Trauerrede kann es tröstend wirken, indem es auf die Vergänglichkeit des Leids hinweist. In einer Rede zum beruflichen Erfolg kann es als mahnende Erinnerung an Bescheidenheit dienen.
Ein Beispiel für eine natürliche Verwendung im Gespräch: "Ich freue mich riesig über die Beförderung, aber ich versuche, mir den alten Grundsatz zu Herzen zu nehmen: Im Glück nicht vermessen. Das Team leistet schließlich genauso viel." Ein anderes Beispiel in einer schwierigen Phase: "Der Rückschlag war hart, aber wir dürfen jetzt nicht verzagt aufgeben. Wir analysieren sachlich und machen weiter."
Besonders geeignet ist der Spruch auch für schriftliche Formate wie Blogbeiträge zur Persönlichkeitsentwicklung, in Coachings oder als Motto für eine Phase der Neuorientierung. Er fungiert als kompakter Anker für eine ausgeglichene Geisteshaltung.
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