Geschmierte halten sich gern für Gesalbte
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Geschmierte halten sich gern für Gesalbte
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Herkunft dieses treffenden Sprichworts ist nicht exakt belegbar. Es handelt sich um eine moderne, bildhafte Prägung, die vermutlich im 20. oder späten 19. Jahrhundert entstanden ist. Der Kontext ist eindeutig die deutsche Sprache und Kultur, in der die religiöse und monarchische Symbolik der Salbung (etwa von Königen oder Priestern) als Zeichen einer höheren Berufung tief verwurzelt ist. Das Wort "geschmiert" im Sinne von Bestechung oder unlauterer Vorteilsannahme bildet den genialen sprachlichen Kontrast dazu. Da eine hundertprozentige Sicherheit über den genauen Ursprung nicht gegeben ist, verzichten wir an dieser Stelle auf weitere Spekulationen.
Bedeutungsanalyse
Das Sprichwort "Geschmierte halten sich gern für Gesalbte" ist ein Meisterwerk der ironischen Doppelbödigkeit. Wörtlich nimmt es zwei gegensätzliche Formen des "Eincremens": die schmutzige Bestechung ("geschmiert") und die heilige, gottgewollte Weihe ("gesalbt"). Übertragen bedeutet es: Menschen, die ihre Position oder ihren Vorteil durch unlautere Mittel wie Bestechung, Vetternwirtschaft oder Schmeichelei erlangt haben, neigen dazu, sich selbst für besonders qualifiziert, auserwählt oder legitimiert zu halten. Sie verwechseln gekaufte oder erschlichene Gunst mit tatsächlicher Kompetenz und verdienter Autorität. Die dahinterstehende Lebensregel warnt vor der menschlichen Neigung zur Selbsttäuschung und dem Bedürfnis, illegitime Vorteile moralisch zu rechtfertigen. Ein typisches Missverständnis wäre, das Sprichwort nur auf offenkundige Korruption zu beziehen. Es gilt jedoch viel weiter: für jede Situation, in der jemand durch Gefälligkeiten, Beziehungen oder Manipulation nach oben kommt und dann seine eigene Brillanz dafür verantwortlich macht.
Relevanz heute
Die Relevanz dieses Sprichworts ist heute größer denn je. In einer Welt, die oft von Netzwerken, persönlicher PR und dem gezielten "Einschmieren" von Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft oder sogar im Kulturbetrieb geprägt ist, beschreibt es ein zeitloses Phänomen. Es wird verwendet, um Karrieren zu kommentieren, die mehr auf Seilschaften als auf Leistung basieren, oder um das selbstherrliche Auftreten von Personen zu kritisieren, deren Einfluss erkauft wirkt. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich beispielsweise in Debatten über Lobbyismus, wo bezahlte Interessenvertreter sich oft als unverzichtbare Experten darstellen, oder in sozialen Medien, wo gekaufte Follower zu einem Gefühl echter Prominenz führen können. Das Sprichwort bietet eine scharfsinnige und pointierte Sprachformel für diese modernen Erscheinungsformen alter menschlicher Schwächen.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die psychologische Forschung bestätigt den Kern des Sprichworts eindrucksvoll. Das Konzept der "kognitiven Dissonanz" beschreibt das menschliche Unbehagen, wenn Handlungen (sich einen Vorteil erschleichen) nicht mit dem Selbstbild (eine integre, fähige Person zu sein) übereinstimmen. Um diese Dissonanz aufzulösen, neigen Menschen dazu, ihre Handlungen umzudeuten. Der "geschmierte" Vorteil wird im Nachhinein als gerechtfertigt und die eigene Person als besonders würdig interpretiert – man hält sich für "gesalbt". Studien zur Selbstwahrnehmung und zum "Overconfidence-Effekt" zeigen zudem, dass Menschen, die eine Position innehaben (egal wie sie dorthin kamen), oft ihre eigene Kompetenz dafür überschätzen. Der Anspruch des Sprichworts auf eine allgemeine menschliche Tendenz wird somit durch die Verhaltenswissenschaft gestützt.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort eignet sich hervorragend für pointierte Kommentare in informellen Gesprächen, Kolumnen, politischen Satirebeiträgen oder kritischen Vorträgen, wo es mit einer Mischung aus Schärfe und geistreichem Witz glänzt. Es ist weniger für feierliche Anlässe wie Trauerreden geeignet, da seine Ironie dort unpassend wirken könnte. In formellen Beschwerden oder offiziellen Stellungnahmen wäre es zu salopp. Die ideale Verwendung findet es dort, wo man eine Situation oder Person mit sprachlicher Eleganz und Tiefe auf den Punkt bringen möchte.
Ein Beispiel im lockeren Gespräch unter Kollegen: "Haben Sie gesehen, wie der Neue aus der Marketingabteilung nach nur drei Monaten zum Teamleiter befördert wurde? Kein Wunder, dass er jetzt alle Meetings dominiert, als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen. Tja, Geschmierte halten sich gern für Gesalbte."
In einem Kommentar zu politischen Vorgängen ließe sich schreiben: "Der Lobbyist, der nun als 'Berater' im Ministerium sitzt, inszeniert sich öffentlich als Retter der Wirtschaft. Es ist ein klassischer Fall: Geschmierte halten sich gern für Gesalbte und verkaufen ihre gekaufte Nähe zur Macht als gemeinwohlorientierte Expertise."
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