Geld stinkt nicht
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Geld stinkt nicht
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Herkunft dieses Sprichworts ist historisch eindeutig belegt und führt uns ins alte Rom. Der römische Kaiser Vespasian, der von 69 bis 79 n. Chr. regierte, führte eine umstrittene Steuer auf öffentliche Latrinen ein, das sogenannte "Urinsteuer" oder "cloacarium". Sein Sohn und Nachfolger Titus kritisierte diese Abgabe als unappetitlich und unsittlich. Der Überlieferung nach hielt Vespasian seinem Sohn daraufhin eine Münze aus den ersten Einnahmen unter die Nase und fragte, ob der Geruch denn anstößig sei. Auf die verneinende Antwort des Titus soll der Kaiser den berühmten Satz "Pecunia non olet" gesprochen haben, was wörtlich "Geld stinkt nicht" bedeutet. Die Anekdote wird vom römischen Historiker Sueton in seinen Kaiserviten überliefert, was die Quelle zu einer der am besten dokumentierten in der Sprichwortgeschichte macht.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen behauptet das Sprichwort, dass Geld keinen unangenehmen Geruch habe, selbst wenn es aus einer schmutzigen Quelle stamme. Übertragen bedeutet es, dass der Ursprung von Geld oder Gewinnen moralisch irrelevant ist, sobald das Geld erst einmal da ist. Die dahinterstehende, oft zynisch anmutende Lebensregel lautet: Der Zweck heiligt die Mittel, und der finanzielle Erfolg wäscht jeden Makel der Herkunft rein. Ein typisches Missverständnis ist die Annahme, das Sprichwort rechtfertige kriminelle Handlungen. In seiner ursprünglichen und auch heutigen Verwendung dient es jedoch eher der nüchternen Feststellung einer gesellschaftlichen Realität, als einer moralischen Empfehlung. Es kommentiert die Tatsache, dass in wirtschaftlichen Zusammenhängen oft nicht nach der Provenienz, sondern nur nach dem Wert einer Zahlung gefragt wird.
Relevanz heute
Das Sprichwort ist heute so relevant wie vor zweitausend Jahren. Es wird in wirtschaftlichen Debatten, politischen Diskussionen und im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, um zu betonen, dass die Herkunft von Geldern in der Bilanz keine Rolle spielt. Man hört es im Zusammenhang mit Sponsoring durch umstrittene Konzerne, bei Diskussionen über Steueroasen oder wenn es darum geht, dass gemeinnützige Organisationen Spenden unabhängig von der Reputation des Spenders annehmen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in der globalisierten Wirtschaft nieder, wo Kapitalströme oft undurchsichtig sind und der reine Profit vielfach über ethischen Bedenken steht. "Geld stinkt nicht" ist somit ein geflügeltes Wort, das eine grundlegende, wenn auch unbequeme Wahrheit des Kapitalismus auf den Punkt bringt.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Interessanterweise lässt sich dieses Sprichwort auch wissenschaftlich überprüfen, und die Ergebnisse sind verblüffend. Moderne Studien haben gezeigt, dass Banknoten tatsächlich ein Nährboden für Bakterien und Viren sein können und somit im wörtlichen Sinne sehr wohl "stinken" oder zumindest gesundheitliche Bedenken bergen können. In der übertragenen, wirtschaftswissenschaftlichen Bedeutung wird der Anspruch auf Allgemeingültigkeit jedoch weitgehend bestätigt. Behavioral Finance und ökonomische Forschung zeigen, dass Menschen und Institutionen dazu neigen, Geld als neutrales Tauschmittel zu behandeln und dabei den "Schleier der Herkunft" zu legen. Dieser "Mental Accounting"-Effekt beschreibt, wie wir Geld je nach Quelle unterschiedlich bewerten, obwohl es objektiv den gleichen Wert hat. Das Sprichwort widerspricht diesem Effekt und stellt die nüchterne, marktwirtschaftliche Sichtweise dar: Im Geschäftsverkehr ist ein Euro ein Euro, unabhängig davon, ob er aus einer Lotterie, einem Erbe oder einem schmutzigen Deal stammt. In dieser Hinsicht hält die empirische Beobachtung der Sprichwortweisheit stand.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort ist vielseitig einsetzbar, erfordert aber aufgrund seiner zynischen Konnotation Fingerspitzengefühl. In einer lockeren Vortrag über Wirtschaftsethik oder in einem kollegialen Gespräch über ein zweifelhaftes Geschäftsangebot kann es pointiert und erhellend wirken. In formellen Reden oder gar einer Trauerrede wäre es fast immer unpassend, zu salopp oder zu hart, es sei denn, man zitiert es ausdrücklich als historisches Beispiel. Besonders geeignet ist es für Kommentare, in denen man auf die Doppelmoral in Finanzfragen hinweisen möchte.
Ein Beispiel für eine gelungene Verwendung im Alltag: Zwei Vereinsvorstände diskutieren eine große Spende von einem Unternehmen, das in der Kritik steht. Der eine ist dagegen, der andere sagt: "Ich verstehe deine Bedenken, aber wir brauchen das Geld dringend für das neue Jugendzentrum. Am Ende steht in der Bilanz nur die Summe. Wie schon die alten Römer wussten: Geld stinkt nicht." Ein weiteres Beispiel im Geschäftskontext: Ein Mitarbeiter fragt seinen Chef, ob man den Auftrag von einem schwierigen Kunden wirklich annehmen solle. Der Chef antwortet mit einem Schulterzucken: "Die Rechnung bezahlt er pünktlich, und das ist was zählt. Pecunia non olet."
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