Erst schmieren, dann privatisieren
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Erst schmieren, dann privatisieren
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Herkunft dieses Sprichwortes lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit auf ein bestimmtes Datum oder eine Quelle zurückführen. Es handelt sich um eine moderne, politisch-wirtschaftskritische Redewendung, die vermutlich in den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum entstanden ist. Der Kontext ist eindeutig die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung und die damit einhergehende Privatisierung der volkseigenen Betriebe der ehemaligen DDR durch die Treuhandanstalt. Die Wendung reflektiert die öffentliche Kritik an diesem Prozess, bei dem der Verdacht aufkam, dass Unternehmen vor ihrem Verkauf an private Investoren bewusst in eine schlechte wirtschaftliche Lage gebracht oder Vermögenswerte unrechtmäßig transferiert wurden, um den Kaufpreis zu drücken. Aufgrund dieser nicht hundertprozentig belegbaren Entstehungsgeschichte lassen wir den Punkt zur Herkunft weg.
Bedeutungsanalyse
Das Sprichwort "Erst schmieren, dann privatisieren" ist eine prägnante und kritische Beschreibung eines mutmaßlich unlauteren Verfahrens. Wörtlich genommen beschreibt es eine zweistufige Handlung: Zuerst ("erst") wird etwas "geschmiert", was im übertragenen Sinne für Bestechung, Korruption oder die bewusste Herbeiführung eines Schadens steht. Danach ("dann") folgt die Privatisierung, also der Verkauf von staatlichem oder öffentlichem Eigentum an private Akteure.
Die übertragene Bedeutung zielt auf den Vorwurf ab, dass Vermögenswerte absichtlich entwertet, ausgeplündert oder für einen späteren günstigen Verkauf vorbereitet werden. Die dahinterstehende Lebensregel oder vielmehr Warnung lautet: Hinter offiziellen wirtschaftlichen oder politischen Prozessen können verdeckte, illegitime Machenschaften stecken, die dem Gemeinwohl schaden und Einzelne bereichern. Ein typisches Missverständnis wäre, die Redewendung nur auf Bestechungsgelder zu reduzieren. "Schmieren" kann hier viel umfassender gemeint sein, etwa das bewusste Herbeiführen von Verlusten, die Verschleierung von Werten oder die gezielte Schwächung einer Institution.
Relevanz heute
Die Relevanz dieser Redewendung ist ungebrochen hoch, auch wenn ihr historischer Entstehungskontext (Treuhand) zurückliegt. Sie wird heute in vielfältigen Zusammenhängen verwendet, in denen der Verdacht aufkommt, dass öffentliches Gut oder staatliche Infrastruktur zuvor geschädigt oder unter Wert gesetzt wird, um einen Privatisierungsprozess zu rechtfertigen oder zu erleichtern.
Man findet sie in Debatten über die Privatisierung von Krankenhäusern, Wohnungsgesellschaften, Verkehrsbetrieben oder Energieversorgern. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in Diskussionen über Public-Private-Partnerships (PPP), bei denen ähnliche Befürchtungen geäußert werden. In Medienkommentaren, politischen Reden der Opposition oder in sozialen Netzwerken dient die Formulierung als griffige und verständliche Kritik an Wirtschaftspolitik, die als intransparent und zum Nachteil der Allgemeinheit wahrgenommen wird.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Der Sprichwort-Anspruch auf Allgemeingültigkeit ("erst ... dann" als festes Schema) lässt sich wissenschaftlich nicht pauschal belegen oder widerlegen. Die Wirtschafts- und Politikwissenschaft kennt jedoch das Phänomen des "Asset Stripping" (Ausplündern von Vermögenswerten) und der strategischen Entwertung vor Übernahmen. Historische Untersuchungen, etwa zur Treuhandanstalt, haben Fälle aufgezeigt, in denen der Vorwurf des "Schmierens" im weiteren Sinne nicht gänzlich aus der Luft gegriffen war.
Ein wissenschaftlicher Check muss also differenzieren: Nicht jede Privatisierung folgt diesem Muster, und viele erfolgen nach transparenten Regeln. Es gibt jedoch empirisch belegte Einzelfälle und Strukturen, die das im Sprichwort beschriebene Prinzip verkörpern. Die Wendung ist somit eine zugespitzte, aber nicht grundsätzlich falsche Darstellung eines real existierenden Risikos und einer spezifischen Form von Korruption oder Missmanagement.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort ist ausgesprochen salopp und kritisch. Seine Verwendbarkeit ist daher auf informelle oder deutlich polemische Kontexte beschränkt.
Geeignet ist es für: Politische Debatten (vor allem aus der Opposition), kritische Kommentare in sozialen Medien, satirische Beiträge, aktivistische Reden oder in der Alltagssprache, um Unmut über bestimmte politische Entscheidungen auszudrücken. Es eignet sich für einen lockeren Vortrag vor einem wirtschaftskritischen Publikum.
Ungeeignet ist es für: Offizielle Trauerreden, neutrale Nachrichtenbeiträge, wissenschaftliche Abhandlungen (außer als Zitat), diplomatische Gespräche oder Situationen, in denen eine sachliche, unaufgeregte Diskussion erwünscht ist. Die Formulierung wäre hier zu hart, zu flapsig und würde als unangemessen polemisch empfunden werden.
Beispiele für eine gelungene Verwendung in natürlicher Sprache:
- "Die Pläne der Stadt, das städtische Krankenhaus zu verkaufen, lassen bei vielen den Verdacht aufkommen: Da läuft doch wieder das alte Spiel 'Erst schmieren, dann privatisieren'. Jahrelang wurde unterfinanziert, und jetzt ist es natürlich 'unrentabel'."
- "In der Diskussion um die Bahninfrastruktur warf der Redner der Regierung vor, mit ihrer Politik das Prinzip 'Erst schmieren, dann privatisieren' zu verfolgen, indem sie durch Vernachlässigung den Weg für private Investoren ebne."
- "Wenn ich mir die Bilanz des kommunalen Wohnungsunternehmens vor dem Verkauf anlege, muss ich sagen: Das riecht stark nach 'Erst schmieren, dann privatisieren'. Die Substanz wurde systematisch heruntergewirtschaftet."
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