Ein jeder nach seiner Art

Kategorie: Deutsche Sprichwörter

Ein jeder nach seiner Art

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieser Ausspruch hat tiefe biblische Wurzeln. Er findet sich wortwörtlich in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, im ersten Buch Mose (Genesis 1,21-25). Dort heißt es mehrfach, dass Gott die Tiere "ein jedes nach seiner Art" erschuf. Die Formulierung betont die gottgewollte Ordnung und die natürlichen Grenzen zwischen den verschiedenen Geschöpfen. Im Laufe der Zeit wanderte der Satz aus dem rein religiösen Kontext in den allgemeinen Sprachgebrauch. Er wurde zu einer festen Redewendung, die die angeborene und unveränderliche Eigenart eines jeden Lebewesens oder auch Menschen beschreibt. Seine Popularität im Deutschen wurde maßgeblich durch Martin Luthers Bibelübersetzung gefestigt, die diese prägnante Formulierung prägte.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich bezieht sich das Sprichwort auf die biologische Einteilung der Natur in Arten. Übertragen bedeutet es, dass jeder Mensch, jede Gruppe oder sogar jede Sache ihren eigenen, charakteristischen und oft schwer zu ändernden Wesenszug besitzt. Die dahinterstehende Lebensregel ist eine Mischung aus realistischer Beobachtung und toleranter Akzeptanz. Sie mahnt uns, nicht gegen die innere Natur eines anderen anzukämpfen oder von ihm zu erwarten, dass er sich fundamental anders verhält, als es seinem Charakter entspricht. Ein typisches Missverständnis liegt darin, den Spruch als Ausrede für mangelnde Veränderungsbereitschaft oder als Rechtfertigung für negatives Verhalten zu missbrauten. Eigentlich ist er jedoch eher deskriptiv als wertend gemeint. Er erklärt, warum der Fuchs den Hühnerstall nicht meidet oder warum ein sehr extrovertierter Mensch selten zum stillen Einzelgänger wird.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant. Sie wird in vielfältigen Zusammenhängen genutzt, von der alltäglichen Unterhaltung bis zur politischen Kommentierung. Im persönlichen Bereich dient sie zur Erklärung für Verhaltensweisen in Beziehungen, Familien oder im Freundeskreis ("Ich habe ihm gesagt, er soll sich entspannen, aber naja, ein jeder nach seiner Art"). In der Arbeitswelt wird sie herangezogen, um unterschiedliche Führungs- oder Herangehensweisen zu kommentieren. Selbst in der Popkultur und in Produktbeschreibungen findet man sie, um die besondere Eigenheit eines Stils oder Designs zu betonen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt das Sprichwort besonders im Diskurs über Diversität und Inklusion, wo es – richtig verstanden – für die Akzeptanz unterschiedlicher Persönlichkeitsstrukturen und Lebensentwürfe plädiert, ohne diese zu bewerten.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Moderne Erkenntnisse aus Psychologie und Biologie bestätigen den Kern des Sprichworts, differenzieren ihn aber erheblich. Die Verhaltensgenetik und die Persönlichkeitspsychologie zeigen, dass ein erheblicher Teil unserer Persönlichkeitsmerkmale – wie Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus oder Extraversion – tatsächlich eine starke angeborene Komponente hat. Diese "Art" oder Grunddisposition ist relativ stabil über die Lebensspanne. Allerdings widerlegen dieselben Wissenschaften die absolutistische Interpretation des Sprichworts. Die menschliche "Art" ist nicht in Stein gemeißelt. Neuroplastizität, Lernerfahrungen, Kultur und bewusste Entscheidungen formen den Charakter kontinuierlich. Das Sprichwort hat also recht, wenn es auf tief verwurzelte Tendenzen hinweist, aber unrecht, wenn es diese als unveränderliches Schicksal darstellt. Es beschreibt eine Tendenz, kein unabänderliches Gesetz.

Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele

Das Sprichwort ist vielseitig einsetzbar, jedoch mit unterschiedlicher Tonalität. In einer lockeren Vortragsrede oder einem geselligen Gespräch klingt es passend und etwas weise, ohne belehrend zu wirken. Für eine formelle Trauerrede wäre es möglicherweise zu salopp, es sei denn, es charakterisiert auf liebevolle Weise die verstorbene Person. In einem Konfliktgespräch könnte der unbedachte Gebrauch als flapsig oder resignativ aufgefasst werden ("Kann man ja nichts machen, ein jeder nach seiner Art"). Besonders geeignet ist der Spruch in Kontexten, in denen man Unterschiede anerkennen und Gelassenheit fördern möchte.

Beispiele für eine natürliche Verwendung:

  • Im Team: "Markus bereitet seine Präsentationen wochenlang mit allen Details vor, während Lena sich lieber in den letzten zwei Stunden ihre Stichpunkte macht – und beide Ergebnisse sind hervorragend. Ein jeder nach seiner Art."
  • In der Familie: "Dein Bruder ruft jeden Sonntag an, du schreibst lieber lange Nachrichten. Das ist in Ordnung, ein jeder nach seiner Art."
  • Im Kulturvergleich: "Die einen feiern Karneval ausgelassen auf der Straße, die anderen begehen die Fastenzeit in stiller Andacht. Ein jeder nach seiner Art, könnte man sagen."

Der Schlüssel zur gelungenen Verwendung liegt in einem verständnisvollen, leicht schulterzuckenden Tonfall, der mehr beschreibt als verurteilt.

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