Der Hunger treibts rein, der Ekel treibts runter
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Der Hunger treibts rein, der Ekel treibts runter
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die genaue Herkunft dieses derben Sprichworts lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit auf ein bestimmtes Datum oder eine Quelle zurückführen. Es handelt sich um eine volkstümliche Redensart, die vermutlich aus dem ländlichen oder handwerklichen Milieu stammt, wo eine direkte, unverblümte Ausdrucksweise üblich war. Erste schriftliche Belege finden sich in Sammlungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der Kontext ist stets der des physischen Überwindens von Widerständen, sowohl beim Essen als auch in übertragener Bedeutung.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt das Sprichwort einen körperlichen Vorgang: Ein starkes Hungergefühl ("der Hunger") zwingt einen dazu, auch weniger appetitliche Nahrung zu sich zu nehmen ("treibts rein"). Sobald der akute Hunger gestillt ist oder man genauer hinschaut, meldet sich der Widerwille ("der Ekel") und man muss die Speise mühsam hinunterschlucken ("treibts runter").
Übertragen steht "Hunger" für einen dringenden Mangel, ein starkes Bedürfnis oder eine Notlage. "Ekel" symbolisiert die moralischen, ästhetischen oder emotionalen Vorbehalte, die man eigentlich hat. Die Lebensregel lautet: Unter dem Druck der Not nimmt man Dinge in Kauf oder handelt in einer Weise, die man im Nachhinein bereut oder als widerwärtig empfindet. Ein typisches Missverständnis wäre, die Redewendung ausschließlich auf Essen zu beziehen. Ihr wahrer Wert liegt in der metaphorischen Anwendung auf Jobs, Beziehungen, Kompromisse oder finanzielle Entscheidungen.
Relevanz heute
Das Sprichwort ist heute nach wie vor äußerst relevant, auch wenn seine Ausdrucksweise als derb oder altmodisch empfunden werden kann. Es trifft den Nerv einer Zeit, in der ökonomischer und sozialer Druck viele Menschen zu Entscheidungen zwingt, die gegen ihre eigentlichen Werte oder Vorlieben verstoßen. Man hört oder verwendet es in Diskussionen über ungeliebte Jobs ("Ich hab den Job nur aus Geldnot angenommen – der Hunger trieb ihn rein, und jetzt ekelt er sich jeden Morgen davor"), zwielichtige Geschäfte, unvorteilhafte Kompromisse in Politik oder Wirtschaft, und sogar in Beziehungsfragen. Es dient als knappe, bildhafte Rechtfertigung für Handlungen, die aus einer Notlage heraus entstanden sind.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Der wörtliche Kern des Sprichworts wird durch physiologische und psychologische Erkenntnisse gestützt. Starkes Hungergefühl (ein niedriger Blutzuckerspiegel) kann tatsächlich die Hemmschwelle senken und die Bewertung von Nahrungsmitteln verändern – man ist bereit, mehr zu akzeptieren. Sobald die erste Sättigung eintritt, gewinnen sensorische und kognitive Bewertungen wieder die Oberfläche. Was zuvor als "essbar" durchging, kann nun tatsächlich Ekel auslösen, eine evolutionär sinnvolle Reaktion zum Schutz vor verdorbenen Speisen. In der übertragenen Bedeutung bestätigen Verhaltensökonomie und Psychologie das Phänomen: Notlagen und akuter Mangel ("Scarcity-Mindset") schränken die kognitive Bandbreite ein und führen zu Kurzzeitdenken, während langfristige moralische oder qualitative Bedenken ("der Ekel") in den Hintergrund treten, um später mit voller Wucht zurückzukehren.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Das Sprichwort eignet sich hervorragend für lockere Gespräche unter Freunden, in kollegialen Runden oder in analytischen, aber nicht formellen Kommentaren, etwa in Blogs oder Podcasts. Es ist zu salopp für eine offizielle Trauerrede, eine Hochzeitsansprache oder ein formelles Geschäftsschreiben. In einer Rede über Work-Life-Balance oder ethischen Konsum kann es jedoch als einprägsames, aufrüttelndes Bild dienen.
Beispiele für eine natürliche Verwendung in heutiger Sprache:
- "Die Firma hat den Auftrag des umstrittenen Investors angenommen. Klarer Fall von 'Der Hunger treibts rein, der Ekel treibts runter'. Jetzt stehen die Mitarbeiter moralisch vor einem Riesenproblem."
- "Nach Monaten der Arbeitslosigkeit habe ich jeden Job angenommen, den ich kriegen konnte. Jetzt, wo ich finanziell etwas Luft habe, merke ich, wie unglücklich mich die Tätigkeit macht. Da hat das alte Sprichwort recht: Der Hunger trieb es rein, und jetzt treibt mich der Ekel jeden Tag runter."
- "Dass die Regierung diesen faulen Kompromiss eingegangen ist, verstehe ich zwar politisch. Aber es ist eines dieser Geschäfte, bei denen man später nur noch angewidert ist. Ganz nach dem Motto: Hunger rein, Ekel runter."
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