Aus den Augen, aus dem Sinn
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Aus den Augen, aus dem Sinn
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft dieses Sprichworts ist nicht mit absoluter Sicherheit auf eine einzige Quelle zurückzuführen. Seine Wurzeln reichen jedoch sehr tief. Eine frühe schriftliche Fassung findet sich in einem Brief des römischen Gelehrten und Politikers Cicero aus dem Jahr 43 vor Christus. Er schrieb "Absens haeres non erit", was sinngemäß "Der Abwesende wird nicht Erbe sein" bedeutet und bereits die Kernidee transportiert. Die uns vertraute deutsche Form "Aus den Augen, aus dem Sinn" ist spätestens seit dem Mittelalter geläufig und wurde in verschiedenen Varianten in die Volkssprache aufgenommen. Interessanterweise existiert im Englischen mit "Out of sight, out of mind" eine fast wortgleiche Entsprechung, was auf ein gemeinsames europäisches Sprichwortgut hindeutet.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen behauptet der Spruch, dass etwas, was man nicht mehr sieht, auch aus den Gedanken verschwindet. In der übertragenen Bedeutung beschreibt er ein psychologisches Phänomen: Die emotionale Bindung oder die aktuelle Bedeutung einer Person oder Sache lässt nach, sobald sie räumlich oder zeitlich entfernt ist. Die dahinterstehende Lebensregel ist eher eine nüchterne Beobachtung als eine moralische Anleitung. Sie warnt indirekt davor, sich auf die Beständigkeit von Gefühlen oder Aufmerksamkeit zu verlassen, wenn keine regelmäßige Präsenz sie nährt. Ein häufiges Missverständnis ist, das Sprichwort als hartherzige Handlungsanweisung zu deuten. Es ist jedoch primär eine Beschreibung einer menschlichen Schwäche, nicht deren Befürwortung. Die umgekehrte Weisheit "Aus dem Sinn, aus den Augen" beschreibt hingegen den aktiven Vorgang, etwas Unliebsames zu entfernen.
Relevanz heute
Das Sprichwort ist heute so relevant wie eh und je, vielleicht sogar relevanter. In einer Welt der digitalen Dauerkommunikation und sozialen Medien erfährt es eine neue Dimension. Obwohl wir theoretisch ständig mit Menschen in Kontakt sein können, zeigt sich in der Praxis oft: Wer aus dem eigenen Feed oder dem aktiven Chatverlauf verschwindet, gerät tatsächlich schneller in Vergessenheit. Die Redewendung wird nach wie vor verwendet, um das langsame Verblassen von Erinnerungen nach einem Umzug, das Ende einer Fernbeziehung oder das Abflauen von Interesse nach einem Projektabschluss treffend zu beschreiben. Sie dient auch als selbstkritische Einsicht oder als Erklärung für nachlassenden Kontakt.
Wahrheitsgehalt
Die Psychologie bestätigt den Kern des Sprichworts weitgehend. Der sogenannte "Mere-Exposure-Effekt" beschreibt, dass wir allein durch wiederholte Wahrnehmung eine positivere Einstellung zu Reizen entwickeln. Das Gegenteil, also das Ausbleiben von Kontakt, kann zu emotionaler Distanz führen. Allerdings ist die Aussage nicht absolut wahr. Tiefe emotionale Bindungen, prägende Erlebnisse oder starke Liebe können das Prinzip "aus den Augen, aus dem Sinn" durchbrechen. Menschen trauern um Verstorbene, vermissen alte Freunde oder sehnen sich nach Orten ihrer Kindheit, obwohl sie lange nicht präsent sind. Der Spruch gilt daher besonders für oberflächliche Bekanntschaften, Alltagsroutinen oder kurzfristige Angelegenheiten.
Praktische Verwendbarkeit
Das Sprichwort eignet sich gut für lockere Gespräche, um eine persönliche Erfahrung zu kommentieren, ohne zu tief ins Psychologische gehen zu müssen. In einer professionellen Rede oder einer Trauerrede wäre es hingegen meist zu salopp oder zu negativ konnotiert. Es klingt passend, wenn Sie im Alltag bedauern, dass ein Kontakt eingeschlafen ist, oder wenn Sie Ihr eigenes Verhalten erklären möchten.
Stellen Sie sich vor, ein Kollege fragt Sie nach einem ehemals engen Kommilitonen, mit dem Sie den Kontakt verloren haben. Sie könnten antworten: "Leider weiß ich auch nicht, was er jetzt macht. Wir haben uns nach dem Studium aus den Augen verloren und, ganz nach dem Motto 'aus den Augen, aus dem Sinn', ist der Kontakt dann irgendwann eingeschlafen."
Oder in einer Selbstreflexion: "Ich muss mich echt mehr bei meiner Tante melden. Es ist erschreckend, wie schnell nach dem letzten Besuch der Alltag zurückkehrt und es dann heißt: aus den Augen, aus dem Sinn."
Vermeiden sollten Sie den Spruch in sensiblen Situationen, in denen Sie jemandem das Gefühl geben könnten, absichtlich vergessen worden zu sein. Seine Verwendung erfordert also etwas Fingerspitzengefühl.
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