Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann
Kategorie: Deutsche Sprichwörter
Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann
Autor: unbekannt
- Herkunft
- Bedeutungsanalyse
- Relevanz heute
- Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
- Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Herkunft
Die Wurzeln dieses bekannten Sprichworts reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Seine erste schriftlich belegte Verwendung findet sich in der Sprichwörtersammlung "Proverbiorum libellus" von Andreas Althamer aus dem Jahr 1529. Dort lautet der Eintrag: "Allen leuthen recht thun, ist ein kunst, die niemand kan." Die Formulierung war also bereits damals nahezu identisch mit der heutigen. Das Sprichwort entstand in einer Zeit, in der Standesdenken und komplexe soziale Verpflichtungen das Leben prägten. Es reflektiert die praktische Erfahrung, dass es unmöglich ist, es allen Menschen in einem sozialen Gefüge gleichermaßen recht zu machen, ohne sich selbst zu verlieren oder in Widersprüche zu verstricken.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen behauptet der Spruch, dass die "Kunst", es allen Menschen recht zu tun, unerreichbar ist. Übertragen ist er eine kluge Lebensweisheit, die vor Selbstüberforderung warnt. Die dahintersteckende Regel lautet: Streben Sie nicht danach, es jedem einzelnen immer recht zu machen, denn dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt und führt zu Frustration, Unaufrichtigkeit und Entscheidungsschwäche. Ein häufiges Missverständnis ist, das Sprichwort als Aufforderung zur Rücksichtslosigkeit oder als Entschuldigung für egoistisches Verhalten zu deuten. Das ist nicht der Kern. Vielmehr plädiert es für gesunde Prioritätensetzung und die Erkenntnis, dass man mit seinen Entscheidungen und seiner Art zwangsläufig nicht bei allen gleichermaßen auf Zustimmung stoßen wird. Es ist eine Ermutigung, zu seinen eigenen Überzeugungen zu stehen, auch wenn dies nicht allen gefällt.
Relevanz heute
Die Aktualität dieses Sprichworts ist heute größer denn je. In einer vernetzten Welt mit sozialen Medien, in der die öffentliche Meinung und das Feedback anderer allgegenwärtig sind, steht der Einzelne unter einem immensen, oft unsichtbaren Druck, zu gefallen. Das Streben nach allgemeiner Beliebtheit, vielen "Likes" oder der Vermeidung von Konflikten um jeden Preis ist ein modernes Phänomen, auf das das alte Sprichwort perfekt passt. Es wird nach wie vor häufig verwendet, um jemandem, der sich verzettelt, gut zuzureden, in Diskussionen über Führungsstile ("Ein Chef kann es nicht allen recht machen") oder als rationale Erklärung dafür, warum eine getroffene Entscheidung trotz bester Absichten nicht von allen Seiten begrüßt wird. Es ist ein stabiler Anker gegen den Perfektionismus im zwischenmenschlichen Bereich.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die psychologische und soziologische Forschung bestätigt die Grundaussage des Sprichworts eindrücklich. Das Konzept der "Sozialen Erwünschtheit" beschreibt das menschliche Bestreben, Anerkennung zu finden und Ablehnung zu vermeiden. Studien zeigen jedoch, dass ein übermäßiges Bedürfnis, es allen recht zu machen (oft als "People-Pleasing" bezeichnet), zu chronischem Stress, Burnout, Angstzuständen und einem Verlust der eigenen Identität führen kann. Aus der Entscheidungstheorie ist bekannt, dass unterschiedliche Personen oder Gruppen zwangsläufig unterschiedliche, oft gegensätzliche Interessen und Präferenzen haben. Eine Entscheidung, die eine Partei begünstigt, benachteiligt oft eine andere. Somit ist die "Kunst", es allen recht zu tun, mathematisch und psychologisch betrachtet tatsächlich unmöglich. Das Sprichwort hält also einer wissenschaftlichen Überprüfung stand.
Praktische Verwendbarkeit / Anwendungsbeispiele
Dieses Sprichwort ist erstaunlich vielseitig einsetzbar. Es eignet sich hervorragend für berufliche Coachings, in Reden zur Teambildung oder bei der Einführung unpopulärer, aber notwendiger Maßnahmen. In einer lockeren Vortragsrede kann es pointiert eingesetzt werden, um eine persönliche Anekdote abzurunden. Für sehr formelle oder feierliche Anlässe wie eine Trauerrede ist es dagegen meist zu nüchtern und allgemein lebensklug, es sei denn, es passte charakterlich perfekt zum Verstorbenen. Im privaten Gespräch wirkt es tröstend und entlastend.
Hier einige Beispiele für eine natürliche Verwendung in heutiger Sprache:
- Im Beruf: "Nach der Umstrukturierung gab es natürlich Kritik von verschiedenen Seiten. Ich habe versucht, die besten Kompromisse zu finden, aber 'Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann'. Wir konzentrieren uns jetzt auf die Umsetzung."
- Im privaten Rat: "Du zermarterst dir den Kopf, weil du deiner Freundin und deinem Bruder gleichzeitig gerecht werden willst? Vergiss nicht: Es ist eine Kunst, die niemand kann. Du musst eine Entscheidung treffen, mit der du selbst leben kannst."
- Zur Selbstreflexion: "Ich habe aufgehört, bei jedem Posting die Kommentare zu fürchten. Das Sprichwort hat recht – man kann es nicht allen recht machen. Das befreit ungemein."
Mehr Deutsche Sprichwörter
- Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
- Da liegt der Hund begraben.
- Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
- Der frühe Vogel fängt den Wurm.
- Der Weg ist das Ziel.
- Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
- Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.
- Eine Hand wäscht die andere.
- Es ist nicht alles Gold was glänzt.
- In der Not frisst der Teufel Fliegen.
- Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
- Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.
- Jeder ist seines Glückes Schmied.
- Kleider machen Leute.
- Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
- Lügen haben kurze Beine.
- Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
- Morgenstund hat Gold im Mund.
- Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
- Übung macht den Meister.
- Viele Köche verderben den Brei.
- Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.
- Was du heute kannst besorgen das verschiebe nicht auf …
- Was lange währt wird endlich gut.
- Was sich liebt das neckt sich.
- 1285 weitere Deutsche Sprichwörter