Temous edax rerum

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

Temous edax rerum

Autor: unbekannt

Herkunft

Das Sprichwort "Tempus edax rerum" stammt aus den "Metamorphosen", dem epischen Hauptwerk des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, kurz Ovid. Es tritt im 15. Buch des Werkes auf, in den berühmten philosophischen Ausführungen des Pythagoras über den Wandel als konstantes Prinzip des Universums. Der vollständige Vers lautet:

tempus edax rerum, tuque, invidiosa vetustas, omnia destruitis vitiataque dentibus aevi paulatim lenta consumitis omnia morte!

Ovid verfasste die "Metamorphosen" zu Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus. Der Kontext ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit aller Dinge. Die Zeit wird hier nicht als neutraler Ablauf, sondern als aktiver, gefräßiger Zerstörer personifiziert, der in einem unaufhaltsamen Prozess alles zermürbt und schließlich verschlingt.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt bedeutet "Tempus edax rerum": "Die Zeit, gefräßig der Dinge". Eine geläufige und treffende Übertragung lautet "Die Zeit, die alles frisst" oder "Die alles verzehrende Zeit". Die Metapher ist drastisch und eindringlich: Die Zeit wird als ein Ungeheuer mit unersättlichem Appetit dargestellt, das sich unaufhörlich durch die Welt der Erscheinungen frisst. Nichts Materielles, nichts von Menschenhand Geschaffenes und letztlich auch kein lebendes Wesen kann ihrem zermalmenden Biss auf Dauer widerstehen.

Die dahinterstehende Lebensregel ist die universelle Lehre von der Vergänglichkeit. Das Sprichwort mahnt zur Demut und zur Besinnung auf das Wesentliche, da alle irdischen Güter, Ruhmestaten und selbst monumentale Bauwerke dem unerbittlichen Zahn der Zeit ausgeliefert sind. Ein typisches Missverständnis wäre, in dem Spruch nur eine pessimistische oder nihilistische Botschaft zu sehen. Bei Ovid ist es eingebettet in die Lehre von der Metamorphose, der Wandlung. Der Verlust der alten Form ist oft die Voraussetzung für die Entstehung von Neuem, auch wenn der Fokus hier auf der zerstörenden Kraft liegt.

Relevanz heute

Die Aussage des Sprichworts ist zeitlos und hat nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren. Es wird heute noch häufig in gehobener Sprache, in Essays, Kunstkritiken oder philosophischen Betrachtungen verwendet, um die Macht der Vergänglichkeit zu beschreiben. Man findet es als Inschrift auf historischen Gebäuden, Sonnenuhren oder in Museen, wo es den Betrachter an die eigene Sterblichkeit und den Verfall des Gezeigten erinnert.

Eine direkte deutsche Entsprechung, die denselben bildhaften Charakter hat, ist "Die Zeit frisst alles". Geläufiger sind verwandte Sentenzen wie "Alles hat seine Zeit" oder "Nichts ist beständiger als der Wandel". In der Popkultur findet das Motiv ständig Wiederkehr, etwa in Filmen, die verfallene Zivilisationen zeigen, oder in Songtexten, die die Flüchtigkeit des Augenblicks besingen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch im modernen Umwelt- und Nachhaltigkeitsdiskurs, wo es um die langfristigen, oft zerstörerischen Auswirkungen menschlichen Handelns auf "rerum", die Dinge der Welt, geht.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit des Sprichworts wird durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse in bemerkenswerter Weise gestützt. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, das Gesetz der Entropie, beschreibt, dass in einem abgeschlossenen System die Unordnung stets zunimmt. Alle Strukturen, ob natürliche oder künstliche, unterliegen einem stetigen Prozess des Verfalls und der Auflösung, sofern keine Energie von außen zugeführt wird, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Geologie und Archäologie zeigen, wie Gebirge erodieren und ganze Kulturen unter Sand oder Vegetation verschwinden. Die Materialwissenschaft beobachtet die Ermüdung und Korrosion von Stoffen. Selbst in der Biologie ist der individuelle Organismus dem Altern und Sterben unterworfen. Moderne Erkenntnisse bestätigen also Ovids düstere Personifikation auf einer fundamentalen physikalischen Ebene. Allerdings relativiert die Wissenschaft auch den absoluten Anspruch: Während die konkrete "Form" der Dinge vergeht, bleibt die Materie und Energie gemäß dem Energieerhaltungssatz erhalten und wandelt sich nur um. Der "edax" (Gefräßige) verzehrt also nicht die Substanz an sich, sondern immer nur ihre spezifische, geordnete Gestalt.

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