Ibi fas ubi proxima merces.

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

Ibi fas ubi proxima merces.

Autor: unbekannt

Herkunft

Das Sprichwort "Ibi fas ubi proxima merces" stammt aus dem umfangreichen Werk "Adagia" des niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Diese monumentale Sammlung griechischer und lateinischer Sprichwörter wurde erstmals im Jahr 1500 veröffentlicht und erlebte zahlreiche erweiterte Auflagen. Erasmus präsentierte den Spruch als ein antikes Sprichwort, das er in die lateinische Sprache übertrug. Der genaue antike Vorläufer ist nicht zweifelsfrei identifizierbar, doch die Formulierung trägt eindeutig die Handschrift des Erasmus. Er führt es in seinen "Adagia" an, um eine kritische Haltung gegenüber einer rein gewinnorientierten Moral zu illustrieren. Der Kontext ist die satirische und moralphilosophische Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen.

Ibi fas ubi proxima merces. In proverbium coepit apud eos apud quos pretio constat innocentia.

Diese Erläuterung von Erasmus bedeutet, dass das Sprichwort bei denen zur Redewendung wurde, bei denen Unschuld einen Preis hat. Es handelt sich also nicht um ein klassisch-römisches Zitat im engeren Sinne, sondern um eine humanistische Prägung, die auf antike Gedanken zurückgreift.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt lautet der Ausspruch: "Dort ist Recht, wo der nächste Gewinn ist." Das Wort "fas" bezeichnet das göttliche Recht, das moralisch Erlaubte, während "merces" Lohn, Gewinn oder Vorteil bedeutet. Die übertragene Bedeutung ist scharf kritisch und zynisch gemeint. Der Spruch beschreibt eine Haltung, bei der moralische Grundsätze und Rechtlichkeit nicht von festen Überzeugungen, sondern ausschließlich vom eigenen, unmittelbaren Vorteil bestimmt werden. Wo sich Profit erzielen lässt, wird dies kurzerhand zur neuen "Moral" erklärt. Die Lebensregel, die dahintersteckt, ist eine Warnung vor solchen opportunistischen Charakteren. Ein typisches Missverständnis könnte sein, den Satz als positive Handlungsmaxime zu lesen, also als Aufforderung, stets den eigenen Vorteil zu suchen. Im originalen Kontext bei Erasmus ist er jedoch eindeutig als Kritik und als Beschreibung eines verwerflichen Zustands gemeint. Es geht um die Aufhebung jeglicher Ethik zugunsten der Gier.

Relevanz heute

Die Aussage des Sprichworts ist heute erschreckend aktuell. Sie trifft präzise auf Phänomene in Wirtschaft, Politik oder auch im sozialen Miteinander zu, bei denen kurzfristiger Profit über langfristige Werte, Nachhaltigkeit oder Fairness gestellt wird. Man denke an Skandale, bei denen bewusst Risiken in Kauf genommen werden, oder an politische Entscheidungen, die primär von Interessengruppen und nicht vom Gemeinwohl geleitet sind. Eine direkte deutsche Version, die noch verwendet wird, lautet: "Wo der Gewinn winkt, ist das Recht nicht weit." oder auch die pointiertere Form "Gelegenheit macht Diebe". Letzteres fasst den Gedanken des situativen moralischen Versagens ähnlich zusammen. Die lateinische Fassung bietet sich an, um in Kommentaren oder Analysen ein bestimmtes, von Gewinnstreben dominiertes Verhalten gelehrt und zugleich scharf zu charakterisieren.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Der Sprichwort behauptet keine universelle Wahrheit, sondern beschreibt ein beobachtbares menschliches Verhaltensmuster. Modere Forschung in Sozialpsychologie und Verhaltensökonomie bestätigt, dass situationale Anreize moralische Entscheidungen stark beeinflussen können. Experimente, wie das berühmte Milgram-Experiment oder Studien zu Korruption, zeigen, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen oder bei entsprechender Verlockung bereit sind, ethische Grundsätze hintanzustellen. Der Spruch wird also nicht widerlegt, sondern findet in der Beobachtung, dass Anreizsysteme Verhalten steuern, eine gewisse Bestätigung. Allerdings ist seine Aussage absolut und lässt keinen Raum für widerständiges moralisches Handeln unter Druck, das es ebenfalls gibt. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist differenzierter: Während der unmittelbare Vorteil ein starker Treiber ist, agieren Menschen nicht ausschließlich danach. Faktoren wie internalisierte Werte, soziale Normen oder die Angst vor Entdeckung spielen eine entscheidende Rolle. Das Sprichwort ist somit eine zugespitzte, aber nicht vollständige Beschreibung der menschlichen Natur.

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