Idem velle atque ide nolle, ea demum firma amicitia est

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

Idem velle atque ide nolle, ea demum firma amicitia est

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieses prägnante Sprichwort stammt nicht aus der Volksmundüberlieferung, sondern aus der Feder eines der schärfsten politischen Beobachters der römischen Antike: Gaius Sallustius Crispus, kurz Sallust. Es findet sich in seinem historischen Werk "De coniuratione Catilinae" (Über die Verschwörung des Catilina), das um 43–42 v. Chr. verfasst wurde. Sallust schildert darin den gescheiterten Umsturzversuch des Lucius Sergius Catilina. An einer Schlüsselstelle analysiert er die Natur wahrer Freundschaft und stellt sie der bloß nützlichen Zweckgemeinschaft gegenüber. Der vollständige Kontext lautet:

Sed multi mortales, dediti ventri atque somno, indocti incultique vitam sicuti peregrinantes transiere; quibus profecto contra naturam corpus voluptati, anima oneri fuit. Eorum ego vitam mortemque iuxta aestumo, quoniam de utraque siletur. Verum enim vero, is demum mihi vivere atque frui anima videtur, qui aliquo negotio intentus, praeclari facinoris aut artis bonae famam quaerit. Sed in magna copia rerum aliud alii natura iter ostendit. Pulchrum est bene facere rei publicae, etiam bene dicere haud absurdum est; vel pace vel bello clarum fieri licet; et qui fecere et qui facta aliorum scripsere, multi laudantur. Ac mihi quidem, tametsi haudquaquam par gloria sequitur scriptorem et auctorem rerum, tamen in primis arduom videtur res gestas scribere: primum, quod facta dictis exaequanda sunt; deinde, quia plerique, quae delicta reprehenderis, malivolentia et invidia dicta putant; ubi de magna virtute atque gloria bonorum memores, quae sibi quisque facilia factu putat, aequo animo accipit, supra ea veluti ficta pro falsis ducit. Sed ego adulescentulus initio, sicuti plerique, studio ad rem publicam latus sum, ibique mihi multa advorsa fuere. Nam pro pudore, pro abstinentia, pro virtute, audacia, largitio, avaritia vigebant. Quae tametsi animus aspernabatur insolens malarum artium, tamen inter tanta vitia imbecilla aetas ambitione corrupta tenebatur; ac me, ab reliquorum malis moribus dissentientem, nihilo minus honoris cupido eadem, qua ceteros, fama atque invidia vexabat. Igitur ubi animus ex multis miseriis atque periculis requievit et mihi reliquam aetatem a re publica procul habendam decrevi, non fuit consilium socordia atque desidia bonum otium conterere, neque vero agrum colundo aut venando, servilibus officiis, intentum aetatem agere; sed a quo incepto studioque me ambitio mala detinuerat, eodem regressus statui res gestas populi Romani carptim, ut quaeque memoria digna videbantur, perscribere, eo magis, quod mihi a spe, metu, partibus rei publicae animus liber erat. Quare de Catilinae coniuratione, quam verissume potero, paucis absolvam; nam id facinus inprimis ego memorabile existumo sceleris atque periculi novitate. De quoius hominis moribus pauca prius explananda sunt, quam initium narrandi faciam. [...] Nam idem velle atque idem nolle, ea demum firma amicitia est.

Sallust lässt diese Definition in seine Charakterstudie des Catilina einfließen, um zu zeigen, wie dieser durch scheinbare Gemeinsamkeit in Wünschen und Abneigungen eine gefährliche Gefolgschaft um sich scharte. Es handelt sich also ursprünglich um eine politisch-psychologische Beobachtung, die schnell den Rang eines allgemeingültigen Lebensprinzips erlangte.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt bedeutet der Satz: "Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist schließlich die feste Freundschaft." Die Kernaussage geht jedoch weit über bloße Übereinstimmung in Geschmacksfragen hinaus. Es beschreibt die tiefste Ebene der Verbundenheit, die auf einer vollständigen Kongruenz der Wertvorstellungen, Ziele und Grundabneigungen basiert. Eine "firma amicitia", also eine beständige und unerschütterliche Freundschaft, entsteht demnach nicht durch gelegentliche Sympathie oder gemeinsame Interessen, sondern durch eine fundamentale Übereinstimmung im Charakter und im Weltbild.

Ein typisches Missverständnis liegt in der Annahme, es ginge um uniformes Denken oder blinden Gleichklang. Sallust meint jedoch keine oberflächliche Gleichheit in allen Lebenslagen, sondern eine harmonische Übereinstimmung in den wesentlichen Prinzipien. Freunde können in Nebensachen unterschiedlicher Meinung sein, aber in den grundlegenden ethischen und lebenspraktischen Fragen müssen sie auf derselben Seite stehen. Die Lebensregel dahinter lautet: Prüfen Sie eine Freundschaft an den großen Linien, nicht an den kleinen Gemeinsamkeiten des Alltags. Wahre Verbundenheit bewährt sich in der gemeinsamen Haltung gegenüber dem, was im Leben erstrebenswert und was verwerflich ist.

Relevanz heute

Die Aktualität dieses über zweitausend Jahre alten Gedankens ist ungebrochen. Das Sprichwort wird häufig zitiert, wenn es um die Definition wahrer Freundschaft, um die Chemie in Teams oder sogar um erfolgreiche politische oder geschäftliche Partnerschaften geht. Es taucht in Ratgebern, philosophischen Essays und sogar in der Paartherapie auf, wo es um die Bedeutung gemeinsamer Werte in einer Beziehung geht.

Eine direkte, wortwörtliche deutsche Entsprechung wie "Gleich und Gleich gesellt sich gern" trifft den Kern nur unvollständig, da sie eher auf natürliche Sympathie abzielt. Treffender ist die deutsche Redensart "Einer Meinung und einer Gesinnung sein", die den Aspekt der gemeinsamen ethischen Haltung betont. In der modernen Psychologie und Beziehungsforschung findet sich das Prinzip in Konzepten wie "Werte-Kongruenz" oder "Compatibility" wieder. Die Brücke zur Gegenwart schlagen Sie, indem Sie sich fragen: Mit wem teile ich nicht nur Hobbys, sondern auch meine tiefsten Überzeugungen darüber, was richtig und falsch ist? Diese Frage ist heute genauso entscheidend wie im alten Rom.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Die moderne Sozialpsychologie und Beziehungsforschung bestätigt den Kern des Sprichworts in bemerkenswerter Weise. Studien zeigen regelmäßig, dass ähnliche Werte und Einstellungen zu den stärksten Prädiktoren für langfristige Freundschafts- und Partnerschaftszufriedenheit gehören. Diese Übereinstimmung, oft als "Attitüdenähnlichkeit" bezeichnet, reduziert Konflikte, fördert das Verständnis und schafft ein stabiles Fundament des Vertrauens.

Allerdings fügt die Wissenschaft eine wichtige Nuance hinzu: Es muss nicht in jedem Detail absolute Gleichheit herrschen. Vielmehr ist die wahrgenommene Übereinstimmung in zentralen Lebensbereichen entscheidend. Zudem kann eine gewisse Komplementarität in anderen Bereichen (etwa in Fähigkeiten oder Temperament) durchaus bereichernd wirken. Sallusts Aussage wird also nicht widerlegt, sondern präzisiert. Die Forschung bestätigt, dass eine dauerhafte und tragfähige Beziehung tatsächlich auf dem gemeinsamen "Wollen" und "Nicht-Wollen" in essenziellen Fragen aufbaut, während sie Raum für individuelle Unterschiede in weniger zentralen Punkten lässt. Das antike Weisheit erweist sich somit als erstaunlich robuste psychologische Einsicht.

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