Zitate von Christian Morgenstern

Wer war Christian Morgenstern?

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren und starb am 31. März 1914 in Untermais bei Meran, heute Südtirol, gerade 42 Jahre alt. Sein Name ist im deutschsprachigen Raum vor allem mit einer Handvoll skurriler Verse verbunden, mit dem Nasobëm, dem Mondschaf, dem Werwolf, der das Wort „Weib" nicht deklinieren kann. Diese Gedichte sind unsterblich, und sie sind verdient unsterblich. Wer aber glaubt, damit das Wesentliche über Morgenstern zu wissen, hat einen der eigenwilligsten Geister seiner Generation nur halb kennengelernt.

Morgensterns einzigartige Fähigkeit, tiefgründige philosophische Gedanken mit einem spielerischen Umgang mit der Sprache zu verbinden, macht ihn zu einer unverwechselbaren Figur in der Weltliteratur. Hinter dem Schalk, der das Wiesel auf dem Kiesel inmitten Bachgeriesel platzierte, steckte ein Mensch, der mit Nietzsche rang, den Buddhismus studierte, die Mystiker des Mittelalters las und am Ende seines kurzen Lebens eine spirituelle Heimat fand, die ihm bis dahin gefehlt hatte. Diesen ganzen Menschen zu kennen, macht das Lesen seiner Worte reicher.

Eine Malerfamilie, eine frühe Mutter und eine ererbte Krankheit

Vater wie Mutter entstammen Malerfamilien, der Vater Carl Ernst Morgenstern ist Landschaftsmaler, der mit seiner Staffelei ein unruhiges Wanderleben führt. Morgensterns Kindheit war deshalb von Anfang an von Bewegung geprägt: Stadtleben in München, Sommer in den bayerischen Bergen, kein fester Schulort, kein verlässlicher Rhythmus. Was wie eine behütete Künstlerkindheit klingt, hatte eine dunkle Seite. 1881 starb seine Mutter Charlotte an einem Lungenleiden, das er von ihr erben und das sein Leben mit einer langen Folge von Sanatoriumsaufenthalten überschatten sollte. Er war damals gerade zehn Jahre alt.

Die Tuberkulose, die die Mutter tötete, würde Morgenstern sein gesamtes Leben nicht loslassen. Sie erzwang Kuraufenthalte in Davos, in Arosa, am Gardasee, in Meran, in Rom, auf Capri. Sie raubte ihm Energie, die er zum Schreiben brauchte, und gab ihm gleichzeitig eine Intensität der Wahrnehmung, die viele gesunde Menschen nie erlangen. Wer weiß, dass er ständig mit dem Gedanken an ein frühes Ende lebte, liest seine Verse über Vergänglichkeit und Verwandlung anders. Sie sind kein literarisches Spiel. Sie sind gelebte Erfahrung.

Offizier oder Dichter: Ein Vater, der keine Wahl ließ

Nach dem Tod der Mutter schickte der Vater den Jungen zunächst zu Verwandten nach Hamburg, dann in ein Internat in Landshut. Als der Vater 1883 als Professor an die Königliche Kunstschule in Breslau berufen wurde, zog Christian mit. Am Breslauer Gymnasium schrieb er mit sechzehn Jahren bereits ein Trauerspiel und beschäftigte sich ernsthaft mit Schopenhauer. Einen Gymnasiasten, der freiwillig Schopenhauer liest, hätte man vielleicht zur Philosophie schicken sollen. Der Vater schickte ihn stattdessen auf eine Militärvorbildungsschule, da er für seinen Sohn eine Offizierslaufbahn wünschte.

1895 kam es endgültig zum Bruch zwischen dem Vater und seinem Sohn. Vorausgegangen war ein langer Konflikt über die Frage, was aus Christian werden sollte. Morgenstern hatte das Studium abgebrochen, war krank geworden, hatte sich als freier Schriftsteller versucht, und der Vater, der sich mittlerweile zum dritten Mal verheiratet hatte, verweigerte jede weitere finanzielle Unterstützung. Auch als Freunde Hilfe anboten, lehnte er ab. Der Bruch war vollständig. Morgenstern war von da an auf sich allein gestellt, mit einer schweren Krankheit, ohne gesichertes Einkommen, in einer Stadt, in der er sich alles selbst erarbeiten musste. Diese Härte hat ihn geformt, auch wenn er sie nie öffentlich beklagte.

Die Galgenbrüder: Wie Nonsens zu Weltliteratur wurde

Die Galgenlieder entstanden nicht für ein breites Publikum. Sie entstanden für einen Freundeskreis in Berlin, einen losen Bund von Künstlern und Intellektuellen, die sich selbst scherzhaft die Galgenbrüder nannten. Morgenstern schrieb diese Verse für Abende unter Freunden, für das gemeinsame Lachen über Sprache, Logik und die kleinen Absurditäten des Alltags. Dass er sie 1905 in einem schmalen Band veröffentlichte, war zunächst keine große literarische Geste. Es war ein Versuch.

Was dann geschah, überraschte auch ihn. Der literarische Durchbruch gelang Christian Morgenstern im Jahr 1905 mit der Veröffentlichung der Galgenlieder. Diese Sammlung von Nonsens-Gedichten, die er ursprünglich für seinen Freundeskreis geschrieben hatte, eroberte die Herzen der Leser im Sturm. Das Buch wurde nachgedruckt, erweitert, diskutiert. Kritiker und Leser waren gleichermaßen verblüfft: Hier war etwas völlig Neues, das trotzdem aus der deutschen Sprache selbst zu wachsen schien, aus ihren Eigenheiten, ihren Möglichkeiten, ihren Fallen.

Was die Galgenlieder so außergewöhnlich macht, ist nicht allein ihr Witz. Es ist ihre Doppelnatur. Schimmang erkennt das Seriöse im Subversiven und umgekehrt und darin die Bedeutung Morgensterns für die poetische Moderne von Dada bis Gernhardt. Das Nasobëm ist kein bloßer Blödsinn. Es ist eine philosophische Provokation: ein Wesen, das nur durch die Sprache existiert, das außerhalb des Gedichts nicht existiert und das genau dadurch zeigt, wie viel von dem, was wir für real halten, nur Sprachkonstruktion ist. Das hätte Wittgenstein nicht besser formulieren können, und er hat es ausführlicher, aber kaum prägnanter getan.

Ibsen, Grieg und die Lehrjahre in Norwegen

Einer der weniger bekannten Züge in Morgensterns Biografie ist seine enge Verbindung mit der norwegischen Kultur. Der S. Fischer Verlag bot ihm einen Übersetzungsvertrag für Dramen und Gedichte Henrik Ibsens an. In kurzer Zeit arbeitete sich Morgenstern in die norwegische Sprache ein. Von 1898 bis 1899 lebte er in Christiania, dem heutigen Oslo, in Molde und in Bergen, arbeitete direkt mit Ibsens Texten und traf den alten Dramatiker mehrfach persönlich. Ibsen schätzte seine Übertragungen und setzte sich für ihn bei den Herausgebern ein.

Aber Norwegen gab Morgenstern noch mehr als einen Übersetzungsauftrag. Morgenstern besuchte Edvard Grieg in Troldhaugen. Der Komponist, der aus norwegischen Volksmelodien eine eigene Klangwelt erschaffen hatte, war für Morgenstern ein Beweis dafür, dass Kunst aus dem Boden wachsen kann, aus einer Landschaft, einer Sprache, einer Gemeinschaft. Diese Erfahrung des Nordens, seine Weite, seine Stille, seine Ernsthaftigkeit, taucht in Morgensterns ernster Lyrik immer wieder auf, als Gegengewicht zur Berliner Lebhaftigkeit, aus der seine Galgenverse kamen.

Die andere Seite: Morgenstern als Denker und Suchender

Wer Morgenstern nur als Verfasser heiterer Nonsensverse kennt, steht vor einem Rätsel, wenn er die andere Hälfte seines Werkes aufschlägt. Dort schreibt kein Humorist. Dort schreibt jemand, der mit den größten Fragen ringt, die ein Mensch stellen kann: Was ist Sprache und kann sie Wirklichkeit überhaupt erfassen? Was bleibt vom Menschen nach dem Tod? Wie lebt man angesichts des eigenen Vergehens mit Würde?

Eine innere Krise beendete Morgensterns weltliche Epoche und führte ihn zu Nietzsche, Kierkegaard und Meister Eckhart. Seine Lyrik wurde mehr und mehr Gedankendichtung, ja geradezu Philosophie in Versen. Er las Spinoza, Hegel, Tolstoi, Dostojewski, er studierte buddhistische Schriften und die deutschen Mystiker des Mittelalters. Diese Lektüren waren kein akademisches Pflichtprogramm. Sie waren die Suche eines kranken Mannes nach einem Rahmen, innerhalb dessen sein Leben einen Sinn ergeben konnte.

Dabei war Morgenstern kein Eklektiker, der beliebig aus verschiedenen Quellen schöpfte. Er prüfte, was er las, mit einer persönlichen Ernsthaftigkeit, die seine Briefe und Tagebuchnotizen durchzieht. Nietzsche begeisterte ihn zunächst und enttäuschte ihn dann. Der Buddhismus gab ihm Antworten auf manche Fragen, ließ aber andere offen. Meister Eckhart berührte ihn tief, reichte aber noch nicht aus. Er suchte weiter, konsequent und ohne Rücksicht auf intellektuelle Moden.

Rudolf Steiner und eine Begegnung, die alles veränderte

Im Januar 1909 hörte Morgenstern in Berlin einen Vortrag von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Die Wirkung war unmittelbar und dauerhaft. Er war so beeindruckt, dass er in den folgenden Monaten auch die Vortragszyklen in Düsseldorf, Koblenz, Christiania, Budapest, Kassel und München besuchte. Er fand in der Anthroposophie Steiners die Ideen, die seine eigenen künstlerischen, philosophischen und religiösen Bestrebungen in einer Gesamtanschauung zusammenführten.

Was Steiner Morgenstern gab, war keine fertige Antwort, sondern eine Sprache für Fragen, die er schon lange hatte. Der Gedanke der Reinkarnation, den er schon als Jugendlicher faszinierend gefunden hatte, die Idee einer geistigen Welt hinter der sichtbaren, die Vorstellung, dass künstlerisches Schaffen und spirituelle Entwicklung zusammengehören: All das fand er bei Steiner in einem System zusammengeführt, das ihn befriedigte. Er trat der Anthroposophischen Gesellschaft bei, bereiste eigens Städte, um Steiners Vorträge zu hören, und empfand einen dieser Abende, den Silvesterabend 1913 in Leipzig, als den höchsten Ehrentag seines Lebens.

Ob man Steiners Weltanschauung teilt oder nicht, ist für das Verständnis von Morgensterns Spätwerk irrelevant. Relevant ist, dass Morgenstern zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Ein Mann, der jahrzehntelang zwischen Weltanschauungen gewandert war, hatte einen Ort gefunden. Er blieb ihm nur wenige Jahre.

Ein Leben zwischen Sanatorien und Aufbrüchen

Morgensterns Biografie liest sich wie eine Karte von Mittel- und Südeuropa. Davos, Arosa, Capri, Rom, Taormina, Palermo, der Gardasee, die Dolomiten, Meran, immer auf der Suche nach einem Klima, das seiner Lunge gut tat, immer mit dem Schreibtisch im Gepäck. Die Tuberkulose zwang ihn zeitlebens immer wieder zu Kuraufenthalten. Er nutzte diese erzwungenen Pausen produktiv: Er übersetzte, er korrespondierte, er schrieb Gedichte und Aphorismen, er las. Wenige Schriftsteller seiner Generation haben unter so widrigen Umständen so viel produziert.

1910 heiratete er Margareta Gosebruch von Liechtenstern, die ihn auf seinen Reisen begleitete, seine Manuskripte betreute und ihn pflegte. Die Ehe war von tiefer Zuneigung und gegenseitigem Respekt geprägt. Nach seinem Tod gab sie weite Teile seines Nachlasses heraus, denn nur etwa die Hälfte seines Werkes war zu seinen Lebzeiten erschienen. Die ernste Seite seines Schaffens, die Gedankendichtung, die philosophischen Aphorismen, die spirituellen Verse, fand zu seinen Lebzeiten nie das Publikum, das er sich erhofft hatte. Er wusste das und trug es mit einer Gelassenheit, die man nur als Haltung, nicht als Resignation lesen kann.

Am 31. März 1914 starb Christian Morgenstern in der Villa Helioburg in Untermais. Er arbeitete noch kurz vor seinem Tod an den Druckbogen seiner letzten Gedichtsammlung „Wir fanden einen Pfad". Der Titel klingt wie ein Resümee: nicht triumphierend, nicht verzweifelt, sondern ruhig und gewiss. Er hatte einen Pfad gefunden. Dass er ihn so früh verlassen musste, ist der eigentliche Verlust seines Lebens.

Warum Morgenstern weit mehr ist als seine bekanntesten Verse

Es gibt Autoren, die von ihrem eigenen Ruhm überschattet werden. Bei Morgenstern ist es ein einzelnes Werk, das alle anderen verdeckt. Die Galgenlieder sind so präsent in der deutschen Kulturgeschichte, dass dahinter ein ganzer Mensch fast verschwunden ist, ein Übersetzer, der Ibsens Bühnensprache ins Deutsche holte, ein Aphoristiker von erheblichem Rang, ein spiritueller Suchender, der seinen Weg nicht im Seichten, sondern im Tiefsten suchte.

Was alle seine Texte verbindet, heitere wie ernste, ist eine bestimmte Art, auf Sprache zu hören. Morgenstern glaubte, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern sie schafft, verformt, verdeckt und gelegentlich, wenn man genau genug hinhört, auch enthüllt. Diese Haltung zur Sprache ist im Zeitalter von Algorithmen, Chatbots und politischer Sprachmanipulation nicht weniger relevant als im Berlin der Jahrhundertwende. Sie ist vielleicht relevanter.

Wenn Sie die Zitate auf dieser Seite lesen, begegnen Sie einem Mann, der mit vierzig Jahren starb und in diesen vierzig Jahren mehr dachte, reiste, suchte, litt und lachte als viele Menschen in einem doppelt so langen Leben. Seine Worte haben das Gewicht eines Menschen, der wusste, dass ihm wenig Zeit blieb, und der diese Zeit mit einer Ernsthaftigkeit nutzte, die man seinem spielerischen Ton nicht sofort ansieht. Genau das ist das Geheimnis seiner besten Verse: Sie sind tiefer, als sie klingen.

Zitate von Christian Morgenstern

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